Archive for May, 2009
Das, was jetzt kommt, wiederholt sich immer und immer und immer wieder. Quasi ungefähr so wie die fast unaufhaltsame Zeitschleife in “Und täglich grüßt das Murmeltier”, wobei es sich in diesem unseren Fall allerdings nicht um einen ganzen Tag handelt, sondern lediglich um den an sich eher banalen Versuch, pünktlich und gemeinsam aus der Wohnung zu irgendeinem noch banaleren Anlass aufzubrechen.
Für uns Männer stellt sowas auch kein Problem dar, denn der eigentlich ganz simple Bewegungsablauf gliedert sich ja grundsätzlich in nicht allzuviele Schritte:
1. Du greifst nach Deinem Schlüsselbund, dem Portemonnaie und den Zigaretten
2. Du öffnest die Haustür
3. Du setzt Dich in Dein Auto und fährst los.
Witzig, wie einfach sowas geht – oder? Nun, nicht ganz so einfach läuft dieser Prozess ab, wenn ich dergleichen mit der Dame an meiner Seite versuche umzusetzen. Sie, die sich für Mrs. “Ich bin eine Frau und ich kann von Natur aus mehrere Dinge gleichzeitig tun!” hält, während mein Spitzname in diesem Fall eher Fräulein “Wie heiße ich nochmal und WO genau wohne ich?” nahe kommt. Die soeben aus männlicher Sicht beleuchteten DREI Handlungsschritte könnte man nun also in so einer Situation als ein wenig… sagen wir -”diffiziler”- beschreiben, denn es wäre ja schließlich auch stinklangweilig, wenn es nicht so wäre…
Vor dem anstehenden Aufbruch fragt mich meine Liebste etwa 50 Minuten lang und im 5-Minuten-Takt, ob ich mich denn nicht auch ENDLICH mal fertig machen wolle, schließlich müsse man doch bald los – ihr mehrstufiges Vorbereitungsprogramm aus Nägel lackieren, das Richten der Haare und die von ihr eingeleitete Rettung der Body-Lotion-Industrie in meiner Anwesenheit haben mich bisher ja auch nur minimal auf den bevorstehenden Ausflug aufmerksam gemacht … Ich überhöre diese Versuche, mich in irgendeiner Form aus meiner alltäglichen Lethargie zu reißen und ignoriere ihre Aufforderungen gekonnt, bis ich mich grob 5 Minuten vor der Abfahrt langsam erhebe, mich gemächlich Richtung Bad aufmache, mir gekonnt den Scheitel lege und ein wenig Duft auftrage, den oben genannten ersten Schritt durchführe und quasi startklar für den Take-off in der Tür stehe.
- PAUSE -
“Schatz – ich WÄRE dann soweit?!” rufe ich durch den Flur.
“Schoooooooon?! MOMÄÄÄÄÄNT – nur EINE Sekunde!!!” piepst es zurück.
Na gottseidank weiß ich ganz gut, was jetzt zu tun ist: ich ziehe die Jacke wieder aus, gieße mir noch einen Kaffee ein und fläze mich mit einem genüßlichen “jajajajaaaa” zurück in meinen Sessel. Währenddessen stürmt ein mal hüpfendes, mal rennendes und mal hektisches Etwas durch die Wohnung, verwirrt damit beschäftigt aus 7 verschiedenen Handtaschen, 3 Jackentaschen und 2 Notebooktaschen das für den Anlass geeignete Toolkit für Frauen zusammenzustellen. Natürlich wäre es ja total doof, wenn man regelmäßig Lip-Gloss, Eyeliner, Geldbörse und jeglichen anderen Krimskrams an EIN UND DERSELBEN Stelle einlagern würde: man würde die Dinge ja glatt wiederfinden, und das macht anscheinend mal so gar keinen Spaß.
Immerhin: irgendwann ist auch das geschafft – inzwischen ein wenig gestresst und durch meine blöden Sprüche relativ genervt verlassen wir nun endlich die heimischen 4 Wände und hüpfen zusammen eilig die Trep… – “STOP! ICH MUSS NOCHMAL HOCH! ICH HAB DAS SCHMINKTÄSCHCHEN VERGESSEN!!!” Äääääähm – guuuuuut… Ich versuche sehr tief durchzuatmen und den Blutstau in meiner Halsschlagader einfach mal mit positiven Gedanken zu verdrängen, damit ich nicht doch schon mit 31 Jahren an einem unerwartet geplatzten Blutgefäß im Großhirn sterbe. Wäre ja auch eher unpassend jetzt.
Es vergehen weitere 5 Minuten, in denen ich erstaunt feststelle, dass man im Treppenhaus auf dem Boden sitzend eine völlig andere Perspektive auf unsere kleine Wohnung bekommt, aus der inzwischen wieder lautes Getrappel zu hören ist. Madame hat offensichtlich auch Aufgabe Nr. 2 final und erfolgreich erledigt. Ich glaube, man könnte inzwischen die Luft zerschneiden, so dick ist sie: ich hätte eine geschlagene halbe Stunde länger vor der Glotze liegen können und habe mal wieder – trotz besseren Wissens – auf ein inneres “Na vielleicht klappt’s ja diesmal just in time..” gehört. Eine dumme Angewohnheit, an das Gute zu glauben.
Wirklich erstaunlich ist nun ja, dass Madame nun gefühlte 4 Stunden damit beschäftigt war, sich auf den Ausflug vorzubereiten, sich sehr geschäftig zu zeigen, hin und her durch die Wohnung zu huschen UND nochmal hoch zu müssen, während sie tatsächlich JETZT ihr Schminkset rauskramt, den Innenspiegel runterklappt und sich anmalt. WAS BITTE hat sie denn die ganze Zeit gemacht da oben?? Antike Atemtechniken? Sibirisches Yoga???
Plötzlich schiebt sich eine Hand auf mein Knie.
“Schatz?”
“Hm?”
“Duuuu…..???”
“HM?”
“Ich hab meine EC Karte vergessen.”
“…”
“Könnten wir… nochmal… ????”
Ich weiß nicht, ob Ihr diesen “mentalen Nullpunkt” kennt, den man(n) meistens dann erreicht, wenn der Input in Deinem emotionalen Zentrum keinerlei Effekt mehr auslöst. Die Info kommt lediglich an, Du handelst oder reagierst und wirst lediglich von Deinem angeborenen Selbsterhaltungstrieb gesteuert, welcher Dir sagt: NICHT weglaufen jetzt, ES WIRD ALLES WIEDER GUT!!! Geschlagene 45 zu spät erreichst Du mit Deiner glücklich grinsenden Liebsten das Ziel, kommentiert durch ein leise von der Seite geflüstertes
“… ist doch viel zu kalt so, hätte mich doch noch mal umziehen sollen!!!”
Wenn wir für was auch immer irgendwann startklar sein müssen, läuft eigentlich immer alles nach dem gleichen Schema ab: ich fange relativ früh an, mich fertig zu machen (wobei früh dabei einen Wert von ungefähr 10 bis maximal 45 Minuten hat, jenachdem was wir machen und in welchem Zustand ich mich gerade befinde) und er sitzt in aller Seelenruhe wahlweise vor seinem Rechner oder liegt fernsehguckend auf unserer Couch. Dass wir beide die ungeschlagenen Weltmeister im IMMER zu spät kommen sind und die akademische Viertelstunde innerhalb unserer Familien eigentlich nur seinetwegen auf eine Stunde ausgedehnt und in eine neue SiesoErso-Zeitzone verwandelt wurde (“Jaja, kommt ihr mal um 14 Uhr” heißt, es geht um 15 Uhr los), kann ich zwar als antreibendes Argument in meiner Überredungskunst anwenden, bringt aber in der Regel nichts. Außer dass er genervt darauf hinweist, dass wir zwei Vollzeit-arbeitende erwachsene Menschen sind und uns deswegen in unserer ach so knappen Freizeit von nichts und niemandem hetzen lassen.
Dieser ständige Stress, der sich aus anfeuern, überreden, selber fertigmachen, sein Fertigmachen kommentieren (“Jaahaa, das passt super zusammen, Baby”, “Besser kein Hemd für die Party”, “Nein, keine Jeans für die Oper. Auch nicht mit dem Jacket”) und Ausreden erfinden zusammenbaut, setzt mich dann insofern unter Druck, als dass ich für gewöhnlich den Rest meines Finetunings im Auto erledigen muss. Daran habe ich mittlerweile gewöhnt: Getriebe, Bremsen und ich sind ein eingespieltes Team. Nicht so der Mann an meiner Seite und ich, kurz bevor es los geht: sein schneckenartiges Tempo beim Fertigmachen, das süffisante Lächeln wenn ich nacktfüßig vor Hektik gegen den Couchtisch renne, das Rumgenöle, weil ICH sein Hemd, DAS Hemd, nicht oder nicht gut genug gebügelt habe, tragen nur bedingt zu einem entspannten After-Work-Startschuss bei. Eher zum Ausbruch eines Aggressionsstaus, den ich dann auch noch zu unterdrücken versuche, da unser Hund sich sonst leicht panisch in die hinterste Ecke unserer Couch verzieht und mit hängendem Kopf wartet, bis das Gewitter vorbei ist. Bis dahin verfolgt er mich übrigens auf Schritt und Tritt und hilft mir damit nicht unbedingt, Ying und Yang in Position zu bringen.
Nachdem ich ihn also zum 100. Mal und mittlerweile leicht gereizt darum bitte, sich asap fertig zu machen und er in einer beängstigenden Gelassenheit ins Bad geht (während mir meine Uhr anzeigt, dass wir noch genau 4 Minuten haben, um los zu fahren), sich fertig macht und so tut, als hätte er zu große Zeitfenster erfunden, fallen immer die gleichen Sätze, immer:
“Was ist denn jetzt, bist du fertig oder soll ich mir noch einen Kaffee machen?”
“Ich waaaaarteeeeee…”
Viertel vor Blutsturz. Der kleine Zeh tut ja auch noch horrormäßig weh. Wenn wir es dann endlich geschafft haben, trotz allem breit grinsend und ohne körperliche Attacken auf den Partner den ersten Fuß aus der Wohnung zu setzen, fällt mir ein, dass ich vor lauter Projektmanagement vergessen habe, meine Handtasche so zu bestücken, dass es für uns beide für den Rest des Abends stressfrei läuft.
Bedeutet natürlich, dass ich wieder rein muss in die Wohnung, während der Herr vorwurfsvoll ausatmet und nach meiner Rückkehr ins Treppenhaus NATÜRLICH total gelangweilt und – weil es ja gerade nichts besseres zu tun gibt – die Wand inspizierend auf der Treppe sitzt. Es kann dann durchaus schon mal passieren, dass ich nochwas vergessen habe. Und nochwas. Ergo nochmal hochgehen muss. Und nochmal. Meine leichte Kontrollsucht, die auf mehrere an diverse Schlüsseldienste ausgezahlte hundert Euro basiert, zwingt mich zu allem Unglück auch noch dazu, ihn ungefähr 10x zu fragen, ob er seinen Schlüssel dabei hat. Hat er, sagt er genervt. Genauso wie sein Portemonnaie, sein Handy und seine Zigaretten, hat er ja alles in MEINE Tasche gesteckt.
Das Thema Frauen und Schuhe ist ja kein unbekanntes und ich möchte vermeiden, hier jetzt in akribischster Kleinstarbeit darzulegen, was es mit dieser Beziehung auf sich hat. Um es für die Herren der Schöpfung kurz zu machen: Frauen und Schuhe sind wie Männer und Autos. Nur dass die Leidenschaft auf weiblicher Seite für gewöhnlich leichter bezahlt werden kann, als beim Mann an sich. Man kann sich auch im Vorbeilaufen einen Deichmann-Schuh für 15 € kaufen und zumindest eine kurze Zeit glücklich damit sein, würden Männer das bei ihren Autos genauso handhaben, wären sie (was den bundesdeutschen Durchschnitt betrifft) innerhalb von ein bis zwei Monaten Wochen Tagen ganz sicher pleite. Und trotzdem stößt Frau immer wieder auf Unverständnis, muss sich mit Stereotypen vergleichen und mit Klischee-Witzchen beleidigen lassen: “Aaaachja, Frauen und Schuhe. Kenne ich. Hat meine auch, das Problem.”
Schuhe kaufen, meine Herren, ist kein Problem. Wir kaufen Schuhe nicht, weil uns langweilig ist, sondern weil wir Schuhe lieben. Schuhe sind wie Drogen. Und ja, wir kaufen auch ab und zu mal Schuhe, die uns nicht besonders gut oder gar nicht passen, oder mit denen wir aus orthopädischen Gründen nicht einen Meter laufen würden, weil sie viel zu hoch sind. Wobei gerade das in der Regel die Schuhe sind, die euch am besten gefallen. Diese Schuhe stellen wir uns auch gerne einfach mal so in den Schrank und gucken sie an. Vielleicht tragen wir sie ein, zwei Mal, aber wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Eigentlich weiß ER das auch. Auch, dass dieses Verhalten ziemlich typisch ist. ABER: solange andere Männer davon reden, wie ihnen bzw. ihren Frauen DAS passiert, ist es ja noch ganz witzig. Komme ich dabei ins Spiel, haben die Erzählungen zumeist mehr mit Verzweiflung zu tun.
Es gibt Schuhe, die kauft man einfach und kann das kommentarlos tun. Kommentare wie “Waren im Sale, haben 20 € gekostet” zählen in diesem Fall genauso wenig wie die “Gehören meiner Freundin XY”-Ausreden. Dann gibt es Schuhe, die man mit vielen Kommentaren vorher und hinterher kaufen würde, ob man sie aber kauft, sei dahingestellt. Und es gibt Schuhe, die man mit vielen Kommentaren vorher, währenddessen und nachher kauft. Der letzte Schuh, den ich mir gekauft habe, war so einer und heißt Sedaraby D´Orsay. Ein Schuh mit einem spanischen Vater und einem Namen wie ein Lied. Jaaahaaa, genau – das ist DER Schuh. In meinem Fall Gold.Seide.Swarovski. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach der Anlieferung und Rücksendung von mittlerweile 7 Paar und der Begutachtung von geschätzten 240 Paar möglichen Brautschuhen (und das habe ich ihm alles erspart und alleine bzw. mit Freundinnen und Arbeitskolleginnen gemacht) streifte dieser Schuh meinen Weg und MUSSTE meiner sein.
Nun ist es relativ schwierig, einen Mann davon zu überzeugen, dass man für einen, wenn auch DEN Tag, Schuhe braucht, die fast 2 Monatsmieten kosten. Der Mietspiegel in diesem Kaff hier ist allerdings auch recht niedrig, in Köln hätte man unsere Wohnung mit dem Schuh vielleicht für zwei Wochen bezahlen können – was im übrigen eine Milchmädchenrechnung und als Gegenargument nicht wirklich zu gebrauchen ist. Es hilft jedoch immer ein wenig, wenn man “zufällig” auch noch bei ebay über diese Schuhe stolpert, die gerade nagelneu mit Box und Staubbeutel mit einem Startpreis von einem Euro ins Rennen gegangen sind. Nicht ganz so hilfreich ist es aber, wenn beide Parteien wissen, dass die Schuhe eigentlich viel zu teuer werden. Unter normalen Voraussetzungen vielleicht noch vertretbar, aber wenn man gleichzeitig noch eine Hochzeit für 100 Gäste organisieren (will sagen bezahlen) muss, können ein paar Hundert Euro schon mal dafür sorgen, dass das ursprünglich geplante Gastgeschenk nun doch eine Nummer weniger luxuriös ausfällt. Aber er ist ja ein toller Mann, sonst würde ich ihn nicht heiraten. Nachdem schon ein paar Tage abgelaufen waren und ich eigentlich dauerhaft einen Tränenfilm auf meinen Augen hatte, weil ich befürchtete, DIE Schuhe (die ihm nebenbei auch sehr gut gefallen haben) nicht kaufen zu können, zeigte er sich besonders großzügig: “Du zahlst bis Betrag X, alles was darüber hinaus geht, zahle ich.”
Was soll ich sagen, ich habe die Schuhe ersteigert, natürlich. Mit pochendem Herz und zittriger Hand habe ich bis 19 Sekunden vor Auktionsende vorm Rechner gesessen und dann einen irrsinnig hohen Betrag, den wir niemals hätten zahlen WOLLEN eingegeben und gebetet, dass unsere DSL-Leitung gnädig mit mir ist. Der Endbetrag lag nochmal gut 100 € höher als das, was vorher zu sehen war, aber wen interessiert es? Es kann durchaus befremdlich für ihn gewesen sein, dass ich anschließend quietschend und springend durchs Wohnzimmer getobt bin. Lediglich die Uhrzeit hat mich daran gehindert, nicht die ganze Welt anzurufen und es jedem weiblichen Wesen aus meinem Telefonbuch zu erzählen. Es war wie ein Rausch, der Höhepunkt eines Drogentrips – mit einem vollkommen irritierten, verwirrten Verlobten auf der Couch, der mich aus großen, entsetzen Augen anstarrte, den Kopf schüttelte und mich dann fragte, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ob das denn wirklich sinnvoll sei, was er da getan hätte, nicht dass ich jetzt denken würde, das ginge immer so und mir dauernd so teure Schuhe kaufe. Ob ich mir eigentlich im klaren darüber sei, WIE teuer die Schuhe genau sind, was wir damit sonst noch alles hätten machen können und dass das Hotel in den Flitterwochen nur unwesentlich teurer ist.
Ja. Weiß ich. Ist mir aber egal. Ich hab die schönsten Schuhe der Welt. Und ich habe auch den besten Verlobten der Welt. Und wenn er sich irgendwann mal seinen Ford Mustang kaufen kann, gebe ich ihm was dazu. Dann weiß er auch, wie sich das anfühlt.
Es gibt Themen, die durchsetzen Deine Beziehung vom ersten bis wahrscheinlich zum allerletzten Tag. Themen, bei deren Aufkommen den Frauen da draußen und hier zuhause kleine, glitzernde (!) Sternchen in den Augen aufgehen, während Du als Mann sofort nervöse Zuckungen im Augenlid verspürst, und Dich gleichzeitig eine schier unendliche Schwere Richtung Sofa hinabzieht, weil der bloße Gedanke Dir schon die Kraft zum Atmen raubt.
Ein solches Thema ist bei uns in unserem putzigen kleinen Haushalt das Thema “Schuhe”.
“Oooooooh je” werden jetzt die Jungs unter Euch sagen, “hahaaa!” die Mädchen unter Euch wissen. Schuhe sind so ziemlich eines der Themen, die in der zwischengeschlechtlichen Evolution mehr als nur ausgelutscht sind, und uns DOCH immernoch den Wahnsinn unter die Hirnrinde treiben. Schuhe sind und bleiben eben auch der vorderste Frontverlauf der Grabenkämpfe zwischen der Liebsten und mir, deren Sucht nach diesen Bekleidungselementen in meinen Augen garantiert nicht mehr heilbar ist.
“Aber das sind doch MA-NOOO-LOS!!!!!!!”
“Ach. Na sowas.”
Empört über mein Desinteresse steht der mit den Augen rollende Zwerg hibbelig neben mir, die Arme mal erbost in die Hüften gestützt, mal mit den Händen wilde Gestiken in die Zimmerdecke zeichnend. ICH rege mich nicht.
“Die hatte doch CARRY an in ‘Sex and the City’!!!!”
“Junge junge. Hatte sie das.”
Ich starre weiter auf den Bildschirm, der mir demonstrativ DIREKT vor die Nase gehalten wird und auf dem mich irgendwelche stinknormalen, goldfarbenen Frauenschuhe anglotzen, unter deren Sohle genausogut ein riesiges DEICHMANN-Logo kleben könnte. ICH könnte sie jedenfalls nicht unterscheiden.
“Babiiiiiiieeeee – DIESE – SCHUHE – MUSS – ICH – HABEN!”
“Musst Du das, ja?”
Ich sitze weiter desinteressiert auf meinem Stuhl, kaue auf meinem Apfelstückchen herum und frage mich ernsthaft, wie ein paar Schuhe aus einer erwachsenen Frau in Sekundenschnelle ein 6jähriges Mädchen werden lassen. Im Grunde scheinen diese Gegenstände tatsächlich sowas wie einen unaufhaltsamen Rausch in den Köpfen der Menschen mit dem fehlenden Y-Chromosomen auszulösen und garantieren Dir, dass Dein weibliches Gegenüber in genau DIESER Situation zwar durchaus sensibel und verletzlich reagieren kann, grundsätzlich aber auch eine wirklich nicht zu unterschätzende Gefahr darstellt – ungefähr so, wie wenn man einer Löwin direkt vor ihrer Nase ihre Jungen entführen möchte.
“BABIIIIIIIIIEEEE – DAS sind die Schuhe, in denen ich heiraten möchte!!!”
“Sind sie das. Soso.”
Wir Männer sind ja sehr geschult darin, bei egal welchen uns von Frauen als unbedingt notwendig dargestellten Dingen im Bruchteil einer Sekunde das Preisschild – oder diesem Fall die Preisnennung – ausfindig zu machen und so jegliche Argumentations-Explosionen aus den kleinen Plappermäulern in unseren Vernunft-gesteuerten Köpfen abprallen zu lassen. Wir sind ja nicht doof. Noch weniger doof ist es übrigens, sich die Drogensucht-ähnlichen Verhaltensmuster der Frau in genau dieser Situation nützlich zu machen: Du weißt nämlich EINS ganz genau: wenn Du ihr DAS jetzt ermöglichst, dann bist Du innerhalb von kürzester Zeit gleichzeitig ihr James Bond, ihr Märchenprinz, ihr Cowboy, ihr Superheld UND der absolut umwerfenste, sexieste Typ, der ihr JEMALS begegnet ist. Mit etwas Glück könnte es sogar klappen, dass Du die Liebste sogar außer der Reihe mal davon überzeugen darfst, WIE männlich Du bist, was wiederrum Dir als Mann direkt mal jegliche Sensoren für Vernunft und Sparsamkeit abschaltet, während Du ihr die Worte ins Ohr flüsterst:
“Gönn sie Dir, Schatz. Alles was über Dein Limit geht, bezahle ich für Dich, gar kein Thema!”
JETZT BIN ICH IHR HELD. Zumindest für den Moment.
“Nee Schatz, fahr Du mal ruhig zu Deinen Jungs nach München, feiert schön, genießt die Party und ich treffe mich mit meiner besten Freundin endlich mal wieder zum Quatschen und so… Echt!! Das ist doch super!”
Gesagt getan, Zahnbürste und Unterhose geschnappt, mit den Jungs endlich mal wieder Pizza, Bier und Cuba Libre genossen, eine lange Partynacht mit “zwischen ordentlich und ein bisschen zu viel” Alkohol hinter uns gebracht und im Sonnenaufgang schwankend nach Hause gekommen – bis hierher an sich also super soweit und fast sogar ein bisschen, wie in den alten Tagen.
Bis zur Rückfahrt.
Männer, Ihr kennt diese Momente. Diese “Ich hab mal sowas von überhaupt gar nichts Böses gemacht und weiß trotzdem nicht, wie ich es erklären soll” – Momente. Diese Momente, in denen Du nur denkst: “Och neeeeeee! Bitte – neeeeeheee, nicht SOWAS jetzt noch!”
Da sitze ich also im Highspeed-Vehikel der Deutschen Bahn gen badische Heimat, erschöpft, ein bisschen müde – sogar fast unschuldig wie ein junges Lämmchen dämmer ich schließlich der kuscheligen, heimelichen Nähe der längst schon vermissten Liebsten entgegen, als mein Blick auf das Display meines Kommunikationstools fällt und eine kurze Schrecksekunde die oben erwähnte “Och neeeeheee-Stimmung” bei mir einläutet: Da ist ja GLITTER auf meinem Display?! SO ein Glitter, den sich Frauen auf ihre Augenlider oder Wangen oder sonstwo hin kleben, damit sie auf Parties oder Ausflügen mit den Pfadfindern ausgesprochen hübsch aussehen, sollte ihnen vielleicht doch ein Trendscout oder wahlweise ein junger, gut aussehender Schauspieler über den Weg laufen. SO ein Glitter, der sich ausnahmslos nur DANN an Dich heftet, wenn Du ihm eigentlich schon recht nahe gekommen sein müsstest. Und ganz wichtig: SO ein Glitter, für den Du mit einer Wahrscheinlichkeit von 100,0987 % in die großen, entsetzten Augen Deiner Frau schauen wirst, während sie Dich entrüstet und HÖCHST empört zurückstößt – unter den Worten:
“WIESO HAST DU DA GLITTER AN DIR ?????”
Auf gut Deutsch: Scheiße! Zwar habe ich in der langen, feucht-fröhlichen Partynacht natürlich NICHTS getan oder versucht, dergleichen üblen Zeugs auch nur annähernd in meine Nähe zu bringen, jedoch wissen wir alle mehr als sehr gut, dass das bei der Gegenüberstellung mal so absolut gar nichts zur Sache tut. Ziemlich genau 4 Stunden habe ich also nun Zeit, jeden Winkel meiner selbst, meines Gepäcks und überall um mich herum detektivisch zu überprüfen und von kleinsten Partikeln dieses bösen Problems zu befreien, denn schließlich möchte ich mir irgendwelche CIA-Verhöhrmethoden durch den Folterknecht zuhause dann ja doch ersparen und mich damit auch gar nicht erst in Erklärungsnot bringen – sie würde mich ohnehin noch Wochen damit aufziehen, wenn es denn sein müsste.
4 Stunden später bin ich überzeugt davon, dass nicht mal ein auf Glitter trainierter Spürhund der Bundespolizei mir irgendwas anhaben könnte, als ich zuhause auf dem Sofa in den Armen der Liebsten liege und wir uns endlich wieder haben. Wir knuddeln, wir kuscheln, wir dösen in der Abendsonne rum, wir erzählen und von unserem Wochenende und sind glücklich, nicht mehr alleine einschlafen zu müssen, als…
“WIESO HAST DU DA GLITTER AN DIR ?????”
Da haben wir’s. Ich habe ja also DOCH geflirtet und habe ja sowieso und ganz bestimmt mit anderen Frauen getanzt, und wieso ich das denn überhaupt im Gesicht habe und wie es dort denn hinkommt, und warum ich denn wohl nicht gleich einfach gestehen würde, dass ich ein elendiger Mistkerl bin und dass ich ruhig ehrlich sein könne und es doch bitte sagen möge, wenn ich so kurz vor der Hochzeit doch noch Panik kriegen würde und dass sie es ja immer gewusst hat, dass ich die alten Aufreißer-Tage nicht hinter mir lassen könne und dass ich DA ja jetzt wohl mal ganz genau überlegen solle, warum ich sowas an meinem Körper habe und dass sowas ja nun schließlich nicht von alleine auf der Haut wächst und wer denn wohl bitte bloß noch in meinem Bett geschlafen hat oder wie SONST der Glitter an meine Wange hätte kommen sollen und dass ich mir bloß keine Mühe machen müsse, da käme ich ja jetzt auch sowieso nicht mehr raus, denn da stände ich ja nun mit dem Rücken zur Wand und ich könne mich mal schön auf Hausarrest und ziemlich viel Ärger einstellen, wenn ich nicht BALD etwas dazu sagen würde…
Kein Punkt in dem Satz? Richtig. Da war auch keiner. Kein einziger. Die großen Kulleraugen starren mich entsetzt und durchdringend an, während das kleine Mundwerk UN-AUF-HALT-SAM weiterplappert und Gesicht, Arme, Beine, Füße und Hände die wildesten Gestiken und empörtesten Mimiken aufsetzen, um mich endlich niederzustrecken.
Wie gut, dass man(n) sich an sowas ja nicht nur gewöhnt hat und damit die potentiell besten Antworten zur Beruhigung des Gegenübers quasi ungefiltert wieder und wieder abspulen kann – man hatte ja darüber hinaus auch ziemlich genau 4 Stunden Zeit, sich diverse Antwortmöglichkeiten mit den entsprechenden Folge-Dialogen schon mal durch’s Köpfchen gehen zu lassen und so den CIA-Verhöhrmethoden ein Schnippchen zu schlagen…
Freispruch im Namen des Volkes – so lautete dann doch das Urteil. Gottseidank. Aber wie das Zeug da hin kam – ich weiß es bis heute nicht.
Der Liebste und ich haben manchmal eine Menge Spaß daran, uns in übertriebener Eifersucht zu üben. Nicht wirklich ernst gemeint und für manch Außenstehenden irgendwo zwischen befremdlich und amüsant angesiedelt – vor allem wenn er uns und unsere schauspielerischen Fähigkeiten nicht kennt. Allerdings gibt es Situationen, in denen selbst ich nicht hundertprozentig weiß, ob er das nun gerade ernst meint oder nicht. Wenn er zum Beispiel auf ein Xing-Profil zeigt, mit dem meins direkt verbunden ist, in dessen Suche zufällig das Gleiche steht, wie in meinem, und sich lautstark und lange darüber auslässt, dass das ja wohl ein “komischer Zufall” ist. Dass ich Menschen, mit denen ich hier und da den gleichen Humor teile, nicht zwangsläufig schon mal gesehen haben muss, weiß er allerdings auch.
Nun stelle man sich also vor dem Hintergrund solcher Tatsachen vor, der Held fährt ohne mich in eine Großstadt, auf eine Party mit seinen Jungs, die, mit denen er schon die wildesten Sachen durchlebt hat. Er kommt zurück, ich hole ihn vom Bahnhof ab, nehme ihn in Empfang und das Erste, was mich aus seinem Gesicht anschreit, ist ein nicht zu übersehender Glitterstreifen quer übers ganze Gesicht. Dass er zwischen Party und Abfahrt aus Zeitmangel nicht duschen konnte, ist nun ein nicht unerheblich ins Gewicht fallender Nachteil für ihn – vor allem, wenn ich es weiß. Ich frage also:
“Wieso hastn du so viel Glitter im Gesicht? Warst du auf SO einer Party?”
Er: “Nee, hab ich da was?? Das muss irgendwie im Zug geklebt haben, ich hatte es gerade alles auf meinem iPhone.”
Ich: “Und wie kommt es von dort über deine Augenbraue?”
Er: “Keine Ahnung, von meiner Hand wahrscheinlich!”
Ich: “Achso.”
Er: “Moah, ich wusste, dass wir darüber diskutieren werden, deswegen hab ich noch versucht, es weg zu wischen!”
Ich: “Du weißt also schon, dass wir über Glitter in deinem Gesicht diskutieren werden, obwohl du gar nicht weißt, dass du Glitter im Gesicht hast?”
Er: “Das war an meiner Haaahaaand, vom iPhone, von dort aus ist es irgendwie ins Gesicht gekommen!”
Natürlich. Irgendwie. Um das nochmal zu betonen: ICH muss nur in die falsche Richtung gucken, wenn ich irgendwas zu meinem Arbeitstag gefragt werde und werde anschließend der Flirterei bezichtigt. ER hat GLITTER im Gesicht und das Recht, mir leicht angenervt mitzuteilen, dass das irgendwo im Zug geklebt haben muss.
Aber gut. Am Ende es Tages wissen wir, dass solche Diskussionen zwar sicherlich ein Fünkchen Eifersucht mitbringen, wir uns aber eigentlich dennoch vertrauen und nicht daran glauben, dass irgendwas war. Nur weil er GLITTER IM GESICHT kleben hat, nach einer PARTY, auf der ich NICHT war.



