Archive for August, 2009
Die Aufgabe “gemeinsam Koffer packen” muss vom Schöpfer höchstpersönlich als kleine, unlösbare Gemeinheit in die Gehirne von Mann und Frau hineinprogrammiert worden sein, da Männer und Frauen auch bei gleich langem Urlaub offenbar vollkommen unterschiedliche Klamottenbedürfnisse haben. Es wäre ja auch zu einfach, wenn dieser Akt kurz vor der Abreise friedlich und stressfrei gehandelt werden könnte, nein: auch hier zeigt sich wieder einmal in schönster Form, dass es zwischen den Geschlechtern gewaltige Unterschiede gibt. Und genau deshalb packt für gewöhnlich jeder Mensch seinen Koffer für sich, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise.
Als Frau checkt man vor dem Packen den Wetterbericht für die gewünschte Destination und sammelt sich die passenden Utensilien aus dem Kleiderschrank zusammen. Lieber ein bisschen mehr als weniger, nicht dass man hinterher doof aus der nicht vorhandenen Wäsche guckt. Je nach Ziel gibt es durchaus auch den Wunsch, weniger bei der Anreise mit ins Urlaubsland einzuführen, einen leichten Koffer und viel Platz zu haben, um anschließend den Zollbeamten beim Wiedereintritt in die heimische Atmosphäre ein staundendes Augenaufreißen zu ermöglichen. Klar ist aber immer: für jede sicher vorhergesagte Wetterlage muss was da sein, wäre ja auch wirklich doof, sich nur mit Kleidchen und Bikini bei 15 Grad und Regen irgendwo wiederfinden zu müssen. Und da es heutzutage nun mal geht, wird es auch so gemacht. Das trifft logischerweise nicht nur auf Kleidung an sich zu, mit Sandalen im Hochwasser zu stehen ist nämlich mindestens genauso blöd. Logische Schlussfolgerung: die passende Tasche, der passende Gürtel, etc. Und so kann es durchaus passieren, dass für 7 Tage Urlaub ein Koffer her muss, der vom Format her ungefähr dem gleich kommt, den unsere Eltern 1985 für sich und die drei Kinder für drei Wochen gebraucht haben. Natürlich weiß ich beim Packen auch schon, dass ich grob geschätzt 2/3 der Klamotten zu Hause lassen könnte, weil ich sie sowieso nicht brauche und weil ich mir im Falle eines Falles und je nach Reiseziel ohnehin neue Klamotten kaufen kann und werde. Aber manche Sachen müssen auch einfach mitgenommen werden, die will frau auch in fernen Ländern ausführen.
Männer sind da anders. Pragmatischer. Wenn sie überhaupt in der Lage sind, selber zu packen, vergessen sie einfach die Hälfte.
“Schaahaaatz, kannst du mir bitte mal beim Kofferpacken helfen?”
“Bin da. Wie kann ich helfen?”
“Ich weiß nicht, was ich mitnehmen soll!”
“Du hast deine Schublade noch nicht mal geöffnet!”
“Mach du das doch einfach, bitteee!”
Sagt es und verschwindet im Wohnzimmer, mich zurückgelassen mit der unehrenhaften Aufgabe, SEINE Garderobe der nächsten Tage bis Wochen zu bestimmen. Die oft getestete und ebenfalls für nicht gut befundene Alternative wäre nämlich, spätestens beim Auspacken festzustellen, dass die erste Urlaubsaktion nicht etwa der langersehnte Gang zum Strand, sondern in den nächsten Klamottenladen ist, ein neues Komplettpaket Kleidung kaufen. Der Koffer war beim Wiegen auch schon verdächtig leicht, aber dass Männer es tatsächlich schaffen, ALLES essentielle zu vergessen, ist und bleibt ein Mysterium.
Unterhosen, Zahnbürste, Rasierer, Sonnencreme, Handtuch, Badehose, Flipflops – alles Sachen, an die man auch nicht denkt, wenn man 14 Tage Strandurlaub vor Augen hat. Oder er nimmt partout die falschen Sachen mit. Chucks machen bei einem Wandertrip in den Alpen ja auch irgendwie Sinn. Abends, im Bett oder so. Beim Kofferpacken legt sich der “Ich kann alles”-Hebel im männlichen Gehirn schlicht und ergreifend auf “Ich bin gerade erst geschlüpft” um. Es wird einem dann gerne so verkauft, dass man (also ich) es ja viel besser könne, immer schon ein besseres Auge hätte, für das, was er anziehen soll. Faktisch hat er einfach nur keine Lust. Vor mir hat er ja auch nicht 14 Tage lang nackt in der Gegend rumgestanden, als er als Single in den Urlaub gefahren ist. Besonders gefährlich ist es, diese Aufgabe dann anzunehmen und tatsächlich zu glauben, man kenne seinen Mann. Die Undankbarkeit eines Mannes, wenn er einen fremdgepackten Koffer öffnet und nach und nach feststellt, dass das ein oder andere Teil nicht dabei ist, das er eingepackt HÄTTE, wenn er es denn getan hätte, ist unfassbar groß.
Natürlich enden solche Diskussionen immer gleich: er sauer, ich beleidigt und der Satz “Mach es beim nächsten Mal halt selbst und nerv mich nicht” gebetsmühlenartig wiederholt in der Luft. Zwangsläufig müssen wir dann ja einkaufen gehen und spätestens nach dem Essen gehts dann auch wieder. Und irgendwann, ab Mitte des Urlaubs wendet sich das Blatt: wenn ich nicht mehr weiß, wo ich die neu erstandenen Kleider und Schuhe noch hinstecken soll, ohne 60 € für 2 Kilo Übergepäck zahlen zu müssen. Am besten in seinen Koffer. Ist ja noch Platz drin.
Für jetzt haben wir allerdings nur einen gemeinsamen Koffer. Und einen Kofferraum, da geht noch was.
“Ich packe meinen Koffer” war schon für uns als Kinder ein relativ lustiges und amüsantes Spiel, wenn man es denn auch mit Mädchen spielen konnte – und grob 20 Jahre später hat sich daran eigentlich nicht so wirklich viel geändert. Der Unterschied zu heute: diesmal handelt es sich nicht nur um echte Koffer, sondern es bewahrheitet sich auch, was damals schon in seinen Ursprüngen abzusehen gewesen wäre, hätten wir doch nur eine geringe Ahnung von dem gehabt, was sich direkt vor unseren Augen abspielte.
Im Grunde ist es völlig egal, ob Du zu einem zweitägigen Wochenendausflug in ein Schwarzwälder Waldhotel, eine 3-wöchige Rundreise durch Südamerika oder gar eine durchaus aufwändigere Weltumseglung aufbrichst: die Frau braucht so ziemlich ALLES was der Kleiderschrank hergibt, verzichtet auf NICHTS, was die Kosmetikindustrie extra für sie geschaffen hat und geht selbstverständlich davon aus, dass sie in der südostrussischen Tundra durchaus mal in die Bedrängnis kommen könne, hochhackige Schuhe mit 12 cm Absätzen tragen zu müssen, weil irgendein übriggebliebener Mongolen-Fürst abends zu einer extravaganten Elektro-Party bei Vollmond lädt.
Jetzt ist es ja nun nicht unbedingt so, dass man zu zweit mit 12 Gepäckstücken durch die Weltgeschickte bummelt – nein, im Regelfall ist man(n) dann ja leider doch dazu gezwungen, sich mit der Partnerin EINEN (wenn auch größeren) Koffer zu teilen, den man nun für den anstehenden Urlaubsbetrieb zu bestücken hat. Nur ein ungelernter Lausbub würde in so einer Situation denken, dass ein solches GEMEINSAMES Gepäckstück nun tatsächlich auch zu gleichen Teilen bepackt werden würde…
Ich: “Schatz”
Sie so: “Hm?”
Ich: “Wir müssen noch den Koffer packen”
Sie so: “Ich hab meine Sachen schon drin!”
Ich (mit Blick auf den Koffer): “Äääähm – der ist doch bis oben hin voll?”
Sie so: “Nee, da is noch Platz”
Ich: “Die Sachen gucken aber doch schon über den Rand raus?”
Sie so: “Du brauchst doch eh nur 5 Unterhosen und Socken, das reicht!!”
Da stehst Du, schaust mit recht trüben Blick auf Deine ausgesuchten Kleiderstapel, schiebst mit dem Fuß Dein zweites Paar Schuhe zurück in Richtung Regal und räumst auch Dein Rasiergel flink wieder in den Schrank zurück, um wenigstens noch die grundlegenden Utensilien des Alltags irgendwo auf 2 Miniatur-Außentaschen und ein Wäschenetz zu verteilen, während hinter Dir mit Argus-Augen darüber gewacht wird, dass Du aber bloß nicht den Bikini (“… und wenn es DOCH warm wird?!?!“) und den Baumwoll-Schal (“… das ist nachts bestimmt TOTAL kalt da!!“) aus dem Gepäck verbannst. Dein Waschzeug wird durch Probe-Päckchen ersetzt, weil diese so wunderschön in die 4 Paar Schuhe der Liebsten gestopft werden können und EINE Hose tut’s ja schließlich auch für 7 Tage, die kann ich bei Bedarf ja auch “per Hand noch mal durchwaschen, wenn es sein muss.”
Ich versuche natürlich doch irgendwie noch heimlich, ein T-Shirt mehr zwischen 3 verschiedenen Jacken zu verstecken (“… und wenn wir mal SCHICK essen gehen wollen???“), scheitere aber dann daran, dass mir 3 Hörbücher, 3 “In Touch” Magazine und 4 unterschiedliche Reiseführer (für die selbe Gegend!!) grandios den Platz versperren. In diesem Moment bleibt Dir wirklich nicht anderes übrig, als tief durchzuatmen, Deine Kreditkarte in die Geldbörse zu stecken (schließlich musst dann wohl vor Ort noch mal losziehen und Dir Socken kaufen) und abzuwarten.
Bis zum nächsten Morgen, denn da darfst selbstverständlich DU den Koffer, 2 Handgepäckstücke, 2 Extra-Jacken und den Kamera-Koffer über gefühlte 15 Kilometer zum Check-In des Flughafens schleppen – das ist dann ja letztendlich auch dort, wo Du übrigens 60 EUR für Übergepäck zahlen darfst, was außerdem NICHT passiert wäre, wenn Du statt der Schuhe einfach ein paar Badelatschen in die Seitentasche geschoben hättest. Schnappatmung verursacht übrigens Schwindelgefühle.
Ach ja: wir sind dann mal weg.
Kaum hast Du es Dir an einem wunderschönen Samstagnachmittag ganz nach Deinen Vorstellungen auf der heimischen Balkonliege bequem gemacht, Dir ein eisgekühltes Erfrischungsgetränk zur Rechten und ein paar Hochglanz-Männermagazine zur Linken drappiert, da zwitschert es auch schon sehr enthusiastisch und beängstigend gutgelaunt aus dem Wohnzimmer heraus…:
Sie so: “Schaaaaaatz – bist Du gleich fertig? Können wir los??”
Ich: “Wie – LOS? Wohin denn? Und wieso?”
Sie so: “Ja wir wollten doch heute zu H&M!”
Ich: “Wollten wir das???”
Sie so: “Ja, HATTEN WIR DOCH GESAGT?!”
“Hatten wir doch gesagt” – das ist nicht einfach nur ein Satz. “Hatten wir doch gesagt” ist plötzlich allgegenwärtig und wird in jeglicher Alltagssituation zum Feindbild jeder wohlüberlegten Argumentationsstrategie eines Mannes. “Hatten wir doch gesagt” erwischt Dich grundsätzlich und immer ganz genau dann, wenn Du als Mann zu 100% weißt, dass Du a) weder an irgendeiner Planung, b) genausowenig an irgendeiner partnerschaftlichen Besprechung und c) erst recht nicht an der konkreten Umsetzung irgendeiner Maßnahme beteiligt warst, Du jedoch unmittelbar vor der Finalisierung darüber in Kenntnis gesetzt wirst und ob dieser hervorragenden Aussage “Hatten wir doch gesagt!?” jeglichen eigenen freien Handlungswillen abgibst.
Der zweite Faktor – welcher sich durch enge Verwandschaft zur hier bereits mal erwähnten “Bemutterung” auszeichnet – liegt in der Umstrukturierung der weiblichen Denke nach dem Eingehen einer Partnerschaft, egal ob amtlich oder nicht. Interessanterweise scheinen Frauen das Wort “ICH” visuell im eigenen Köpfchen in gewissen Lebenslagen zu 100% mit dem Wort “WIR” gleichzusetzen – natürlich nur, wenn es dem eigenen Willen entspricht und daraus Profit zu schlagen ist, so dass bei Wochenendplanung, Urlaubsabsprachen oder Shopping-Events grundsätzlich schon mal Entscheidungen getroffen werden, die man OHNE die Meinung des Mannes fällen kann. Letzterer wird sowieso total viel Spaß an der ganzen Sache haben, sodass wir der besten Freundin NATÜRLICH den H&M-Termin zusagen und “WIR dann auf jeden Fall pünktlich in der Stadt sind”.
Beispiel A: die Freizeit-Falle
Sie so: “Schatz?”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich hab da mal angefragt, wegen der Reitstunden fürs Westernreiten”
Ich: “Bitte WAS?”
Sie so: “Ja, das hatten wir doch gesagt, dass wir da mal hinwollen???”
(Fakt: Wir hatten es im Vorbeifahren erwähnt. Im Sinne von: Guck mal, das ist bestimmt auch lustig!)
Beispiel B: die Shopping-Falle I
Sie so: “Schaaaaaatz?”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich hab mir 4 neuen Jeans bestellt…”
Ich: “Wie bitte?? Du hast doch 23 Jeanshosen in Deinem Schrank???”
Sie so: “Ja, das hatten wir doch gesagt, dass ich die kaufen kann wenn ich die anderen bei Ebay einstelle?”
(Fakt: Beim letzten Shopping wies ich darauf hin, dass wir ja wohl erstmal Platz schaffen müssten)
Beispiel C: Die Shopping-Falle II
Sie so: “Schatz?!”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich würd dann diesen Schreibtisch bestellen, ja?”
Ich: “Einen neuen Schreibtisch? Wozu denn das???”
Sie so: “Ja, das hatten wir doch gesagt, dass Du einen neuen brauchst!!”
(Fakt: Ich zeige im Internet mit dem Finger auf einen Schreibtisch und sage: “Der ist hübsch!”)
Beispiel D: Die Wochenend-Falle
Sie so: “Schatz?”
Ich: “Wasn?”
Sie so: “Wann wollen wir denn los zu der Party?”
Ich: “Was für ne Party??”
Sie so: “Na diese Elektro Party auf dem Flughafen!!!!”
Ich: “Ich habe noch NIE irgendwas von dieser Party gehört?!”
Sie so: “Aber das hatten wir doch gesagt, dass wir da hinfahren!!!!”
(Fakt: beim Vorbeifahren am Werbeschild an der Ampel sage ich dummerweise: “Mal gucken, vielleicht”)
Fazit: Obacht!!! Während Deine Frau also nicht mehr in der Lage ist, die 2 vor lauter Liebe verschmolzenen Seelen voneinander zu trennen, ist sie dafür umso mehr für unklug durchdachte oder unüberlegte Äußerungen Deinerseits empfänglich. Dummerweise ergibt beides zusammen am Ende den Satz “Hatten wir doch gesagt!!” – der Dir relativ schnell relativ viele Probleme verschaffen kann, so dass für uns Männer auf jeden Fall feststehen muss: “NEIN, hatten wir NICHT gesagt!!!!“
Ich: “Ich würde auch gerne Salsa tanzen können..”
Er: “Dann müssen wir einen Tanzkurs besuchen.”
Ich: “Okay, ich guck mal, was ich finden kann!”
Er: “Jaja, mach das!”
Klingt jetzt nicht wirklich missverständlich und dass die Frau als Recherche- und Organisationsprofi sich dann anschickt, derartige Pläne in die Tat umzusetzen, ist nach einem solchen Dialog jetzt auch nicht soo abwegig. Anscheinend aber doch. Der Dialog kurz vor Ausübung des neuen Eventuell-Hobbys klingt dann nämlich in etwa so:
Ich: “Ich hab ne Tanzschule gefunden und eine Mail hingeschickt, die haben auch schon geantwortet und meinen wir sollen einfach am Donnerstag mal vorbei kommen.”
Er: “Was für eine Tanzschule denn jetzt schon wieder, wir tanzen doch Sonntags!?”
Ich: “Salsa? Du erinnerst dich? Hatten wir ja drüber gesprochen..”
Er: “Kann ich mich nicht mehr dran erinnern..”
Ich: “Doch, wir hatten gesagt, dass ich nach einer gucke.”
Spätestens beim letzten Satz seinerseits weiß ich, dass er beim ersten Mal KEIN STÜCK zugehört und dafür vollkommen automatisiert vor sich hingeplappert hat. Dass eine finale, alles entscheidende Antwort lediglich aus reinem “Du hast Recht und ich meine Ruhe”-Selbstschutz kam, jedoch nicht aus streitprophylaktischen Gründen, sondern aus Faulheit.
Männer behaupten ja gerne oft und ausdauernd, dass sie alles, was sie sagen, auch genauso meinen und dass die gespaltende Persönlichkeit einer Frau gar nicht in der Lage ist, es ihnen gleich zu tun. Besonders niederträchtige Modelle gehen sogar so weit und glauben, dass eine Frau, die “Nein” sagt, eigentlich “Ja” meint. Interessanterweise ist diese Art der Kommunikation aber die Königsdisziplin, die Männer im Umgang mit Frauen pflegen. Vor allem dann, wenn sie eigentlich keine Lust auf eine entsprechende Konversation haben. Vollkommen egal, wonach man fragt: erwischt man den falschen Zeitpunkt, kommt eigentlich immer ein “Ja”. Die Party am Wochenende? Ja. Das Hotel am anderen Ende des ausgesuchten Ferienorts? Ja. Shoppingtrip in die nächste Großstadt am Wochenende? Ja.
Und natürlich nehmen wir ein solches Ja auch gerne hin, auch ein kaum hörbares in den Bart genuscheltes Ja auf die Frage nach einem baldmöglichst zu vollziehenden Handtaschenkauf reicht vollkommen aus, um mit größtem Glück im materiell vernebelten Hirn sämtliche Kollektionen aller verfügbarer Designer im Internet aufzuspüren und eine Vorab-Auswahl zusammen zu stellen. Das scheinen sie nur leider immer zu vergessen, wenn sie es aus taktischen Gründen gesagt haben. In manchen Situationen macht frau sich diese Eigenschaft natürlich auch zu einem Vorteil, würden die Herren nicht anders tun – wenn sie könnten. Vor allem, wenn frau weiß, dass sie auf die angebliche, weibliche Vergesslichkeit bauen und hoffen, dass wir in ein paar Tagen einfach nicht mehr dran denken. So läuft das auch bei uns.
Das Problem ist nur, dass ER es bis dahin vergisst, ich nicht – habe ja gerade die Absolution erteilt bekommen. Wieso sollte ich das nicht ernst nehmen? Wenn ein klares NEIN zu den ausgesuchten Schuhen kommt, ist das ja auch gesetzt, also spricht im Prinzip nichts dafür, ein Ja für ein Nein zu halten – auch wenn es zwischen zwei Happen Currywurst während der Lieblings-Fernsehserie oder kurz vor der Erledigung eines Jobs bei einem Computerspiel kommt. Es ist ja im Prinzip ganz einfach: wer sich in einem Dialog konzentriert, kann auch die Stolperfallen wahr nehmen, die einem mal mehr, mal weniger absichtlich gestellt werden und sieht sich hinterher nicht mit etwas konfrontiert, was er eigentlich selbst höchst fahrlässig verschuldet hat.
Bei besonders zerstreuten Exemplaren kann man es sogar soweit ausreizen und einfach sagen, dass man das ja so vereinbart hätte obwohl man nie darüber gesprochen hat, aber das ist dann die Königsdisziplin der Frauen, die selbst ich noch nicht ganz fehlerfrei beherrsche mich noch nicht einzusetzen traue.
…lass dein Haar herunter. Bis zur eigenen Hochzeit geht das allerdings nicht, da man ausreichend Material für eine Hochsteckfrisur züchten muss. NACH der Hochzeit geht es allerdings vielen Frauen gleich: Veränderung bitte, jetzt. Neues Leben, neue Frisur.
Der Weg zu dieser Frisur kann jedoch durchaus steinig sein. Man muss seinem Mann ja erstmal verkaufen, dass man gerade bereit ist, sich ohne mit der Wimper zu zucken von gut 3/4 seiner Wirbelsäulenmitte-langen Mähne trennen zu wollen, was in gut 99% aller Fälle mit einem “Dann lass ich mich von dir scheiden!” quittiert wird. Mit genügend zu Email gebrachten Selbstzweifeln, die man im Halbstundentakt verschickt und gezielt ausgewählten Fotos von unglaublich hübschen und erfolgreichen Hollywood-A-Liga-Promis im Anhang kann man diese Haltung jedoch recht schnell mürbe machen. Monsieur, der Verzweiflung nahe, durfte am Ende sogar mit zum Friseur, aufpassen, dass ich nicht “am Ende mit Glatze” da raus komme.
Der Besuch beim örtlichen Starfigaro, der sich speziell in meinem Fall bisher allerdings nur durch kunstvolle Hochsteckfrisuren beweisen konnte, endete leider Gottes in einem Desaster. In genau dem Moment, als er, nachdem er eine Stunde lang für 60 Euro im Rahmen seines “Treatments” gewaschen, geschnitten, gefönt, gestylt und gequasselt hat, vom Spiegel weg trat und ich den freien Blick auf mein entwürdigendes Spiegelbild bekam. Der Liebste war in diesem Moment auch noch draußen, mit einem Freund telefonieren und ließ mich mit meinem Elend also komplett allein. Da zählt auch nicht das vorangegangene, tapfere und wohlwollende Rübernicken, was ich jedoch von Minute zu Minute während des Prozesses dank des entgeisterten Blickes immer weniger ernst nehmen konnte.
Der Weg zum Auto und nach Hause war von betretener Stille und gelegentlichem “Neinnein, das sieht gut aus, siehst irgendwie.. jünger aus!” begleitet, ständig umhüllt von einer panischen Angst, dass meine Trauer ob meiner vollkommen sinnlos abgeschnittenen Haare früher oder später in apokalyptische Wut umschlagen könnte. Das ist dann spätestens nach dem erneuten Waschen und Stylen meinerseits auch passiert, ich sah anschließend NATURLICH noch viel katastrophaler aus als vorher. Hilflos und panisch wie er war, warf er mich tickende Zeitbombe ins Auto und fuhr mich ohne Rücksicht auf fußgängerische Verluste zu seinem Supermarktfriseur, der allerdings schon geschlossen hatte, was meine Laune nur bedingt verbesserte.
Den Rest des Abends verbrachte ich dann größtenteils im Bad, mit angewidertem Gesicht vor dem Spiegel stehend und bemüht, irgendeine Form in diesen Wischmop auf meinem Kopf zu bringen. Der andere Teil des Abends wurde abwechselnd mit verzweifeltem Seufzen und stoßweise ausgeschütteten Flüchen auf die gesamte Familie des Starfriseurs verbracht. In der Nacht konnte ich ungefähr so gut schlafen, als wenn ich mir die Filme Saw 1, 2 und 3 alleine in einer eiskalten Novembernacht mit kaputter Heizung und durchgebrannter Glühbirne angesehen hätte. In einer Hütte im Wald. Und irgendwie war mir, als ob sein gönnerhaftes Trösterdasein im Laufe dieser Nacht irgendwie in Richtung süffisantes Besserwisserdasein mit einer langsam, aber stetig größer werdenden Genervtheit einher ging, aber das könnte auch an der Taktfrequenz gelegen haben, mit der ich mich dauernd im Bett umgedreht und ihn damit von einem durchgehenden Schlaf abgehalten habe.
Um 6 Uhr morgens plärrte mich mein innerer Wecker wach, nachfedernd habe ich den Liebsten aus dem Bett applaudiert und wir warteten mehr oder weniger geduldig, bis wir endlich losfahren und meinen Kopf retten konnten. Das hat dann zu meiner großen Verwunderung die Frau mit der merkwürdigen pechschwarzen Vokuhila-Frisur und den extralangen, extradicken, extraviereckigen und extramitstrassbeklebten Fingernägeln geschafft. Für 11 Euro. Und das “Du siehst toll aus” vom Monsieur kam endlich mal so rüber, dass ich es glauben konnte.
Sie so: “Duuuu, Schaaaatz?”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich fühl mich so unwohl so.”
Ich: “Wie – unwohl? Im Bezug auf was?”
Sie so: “Auf mich. Ich will mal was anderes.”
Ich: “Wie – was anderes?”
Sie so: “Ach ich weiß auch nicht…”
Ich: “Du mußt doch wissen, was mit Dir los ist??”
Sie so: “Ja, ich fühl mich halt unwohl. Ich glaube, ich will eine neue Frisur!“
OHA – denkste Dir da als Mann: Neben den dramatischen Wünschen einer Frau, sich doch einfach mal außer der Reihe runderneuern zu lassen steht eigentlich nur noch die Renovierung des Eigenheims inklusive mehrtägigem IKEA-Besuch ganz oben auf der Liste der größten Gefahrensituationen im Beziehungsalltag. Kaum etwas wäre schwieriger rückgängig zu machen als ein grober Fehler von Edward mit den Scherenhänden und nirgends können Tränen in ähnlichem Ausmaß fließen, wie bei einem Friseur-Supergau mit unbekanntem Ausmaß…
Ich: “Eine neue Frisur? Bisschen Spitzen schneiden und Pony ordentlich?”
Sie so: “Nein. ICH WILL SIE GANZ ABSCHNEIDEN.”
Ich gehe davon aus, dass selbst der Fliegeralarm über Berlin Ende 1944 nicht annährend so laut war, wie die Alarmanlage in meinem Kopf, welche mich dringend und ohne Umschweife dazu auffordert, weit wegzulaufen und mich irgendwo in den Alpen in einer kleinen Berghöhle zusammenzukauern und dort zu verharren. Man(n) muss sich das ja jetzt grob so vorstellen: Das Weibchen geht zum Friseur, lässt sich etwa 35 bis 40 cm ihrer Haarpracht abschneiden, bricht noch vor Ort im Friseursessel zunächst in Tränen aus, dann in sich zusammen, kriecht schreiend und kreischend über den Salon-Fußboden um mit zitternden Händen abgeschnittenes Haargut zusammenzuraufen und sich verzweifelnd und heulend mit irgendwelchen Utensilien am Kopf festzustecken, bis es (das Weibchen) realisiert, dass alles verloren ist und – freundlich gesagt – eine Marktkauftüte mit 2 Löchern auf dem Kopf für die nächsten 12 Monate das neue Styling ersetzen muss. Oder wird.
Das ist jedenfalls ungefähr das, was Dir als Mann in genau diesem Moment sehr sehr viel Angst macht.
Fakt ist: es gibt keinen Ausweg – das Weibchen hat längst entschieden und Du hast gar keine andere Wahl. Dein Job ist es nun, unter 273 verschiedenen Frisuren, die man Dir innerhalb von einer halben Minute bereits vorlegt, rauszufinden, welche der Liebsten denn wohl am ehesten stehen mag, obwohl Du genau weißt, dass es am Ende sowieso nur drauf ankommt, was die besten Freundinnen dazu sagen werden. Punkt. Als nächstes darfst Du großzügigerweise wenigstens dabei sein, wenn der teuerste Friseur am Platze dazu ansetzt, Deiner Frau etwa 25cm ihrer wunderschönen, langen Haare vom Köpfchen zu schneiden und zeigst regelmäßig “Daumen hoch!!” in Richtung des Spiegels, aus dem Dich zwei große, runde Kulleraugen nach Bestätigung flehend angaffen. Dieses “Daumen hoch!!” wird allerdings nur in Deinem Kopf von einem fast unhörbaren “Ach Du Scheiße…” begleitet, weil Du relativ genau weißt, wie sich der Rest des Tages gestalten wird: dramatisch.
Eine grobe halbe Stunde nach dem Besuch beim Promi-Friseur sitzt Ihr schweigend nebeneinander im Auto, Du trittst das Gaspedal bis zum Anschlag durch und nimmst auch auf 78jährige Gehbehinderte am Zebrastreifen keine Rücksicht, weil jetzt DEIN Friseur dazu auserkoren wurde das zu retten, was sich irgendwie noch retten lässt und gleich die banale Aufgabe bekommen soll, aus dem Beatles-Mireille-Matthieu-Haarschnitt der Frau eine kleine, elegante Heidi Klum zu formen – in seiner Haut möchte ich dann also mal so gar nicht stecken.
Das Drama entwickelt sich nur minimal weiter, als Ihr beim Lebensretter vor bereits verschlossenen Türen steht und Dir schlagartig bewusst wird: jetzt musst DU den Rest des Abends bis zum nächsten Morgen wirklich alles gebündelt auffangen, was Dir an Tränen, Wutausbrüchen, Depressionen und Panikattacken ungefiltert entgegenschlägt, musst Deiner Liebsten eine wunderbare Welt aus Notlügen, Ausflüchten und Beruhigungen aufbauen, damit wenigstens wenige Stunden Schlaf möglich sind: soooo schlimm sei es doch gar nicht, irgendwie habe die neue Frisur ja auch was (man wisse nur nicht genau, was), es sei doch schließlich auch mal was anderes und nicht immer das sonst gleiche, in den frühen 70er Jahren war sowas auch schonmal total “hip” und wenn man von schräg unten links gucken würde, dann würde man bei starkem Gegenlicht auch nicht ganz so irritiert sein, wie bei normaler Draufsicht.
DAS, liebe Leute, ist aber erst der Anfang, denn so eine Nacht kann dann durchaus seeeeehr lang werden, insbesondere wenn neben Dir ein Häufchen Elend Stunde um Stunde immer mal wieder von einer Seite auf die andere rutscht und genauso regelmäßig den ein oder anderen leisen, herzzerreißenden Seufzer in die höchst depressive Stimmung der dunklen Nacht fallen lässt. Jede Viertelstunde in dieser Nacht wirst Du geweckt, um Rat gefragt, noch mal zurückwachgeschüttelt und angenölt, wirst in die Seite geboxt und am Ende, so etwa gegen 05:30 Uhr am Morgen hektisch und fast panisch aus dem Bett gestoßen, weil man sich ja dringend noch vor der Arbeit zum finalen Friseurbesuch begeben muss, damit die Welt sich endlich wieder so dreht, wie sie es denn soll.
An dieser Stelle möchte ich noch mal anmerken: DU warst in dieser ganzen Geschichte nur Statist, Berater, Chauffeur und Tröster, hast mit offenem Mund und aufgerissenen Augen knapp 2 Tage lang völlig perplex neben diesem Häufchen Drama gesessen und wie paralysiert einfach diesem wundersamen Schauspiel beigewohnt, bis Dich endlich eine 18jährige Friseurinnen-Azubine für ein kleines Taschengeld aus diesem Endzeitdrama befreit hat – übrigens mit einem Ergebnis, von dem sich der überteuerte Promi-Friseur durchaus noch eine Scheibe von abschneiden könnte.
So oder ähnlich hat es stattgefunden, im Jahre des Herrn zweitausendneun – und führte schließlich zu einem Happy-End Dank des Männerfriseurs meines Vertrauens. Danke, lieber Gott.



