Sie so: “Duuuu, Schaaaatz?”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich fühl mich so unwohl so.”
Ich: “Wie – unwohl? Im Bezug auf was?”
Sie so: “Auf mich. Ich will mal was anderes.”
Ich: “Wie – was anderes?”
Sie so: “Ach ich weiß auch nicht…”
Ich: “Du mußt doch wissen, was mit Dir los ist??”
Sie so: “Ja, ich fühl mich halt unwohl. Ich glaube, ich will eine neue Frisur!“
OHA – denkste Dir da als Mann: Neben den dramatischen Wünschen einer Frau, sich doch einfach mal außer der Reihe runderneuern zu lassen steht eigentlich nur noch die Renovierung des Eigenheims inklusive mehrtägigem IKEA-Besuch ganz oben auf der Liste der größten Gefahrensituationen im Beziehungsalltag. Kaum etwas wäre schwieriger rückgängig zu machen als ein grober Fehler von Edward mit den Scherenhänden und nirgends können Tränen in ähnlichem Ausmaß fließen, wie bei einem Friseur-Supergau mit unbekanntem Ausmaß…
Ich: “Eine neue Frisur? Bisschen Spitzen schneiden und Pony ordentlich?”
Sie so: “Nein. ICH WILL SIE GANZ ABSCHNEIDEN.”
Ich gehe davon aus, dass selbst der Fliegeralarm über Berlin Ende 1944 nicht annährend so laut war, wie die Alarmanlage in meinem Kopf, welche mich dringend und ohne Umschweife dazu auffordert, weit wegzulaufen und mich irgendwo in den Alpen in einer kleinen Berghöhle zusammenzukauern und dort zu verharren. Man(n) muss sich das ja jetzt grob so vorstellen: Das Weibchen geht zum Friseur, lässt sich etwa 35 bis 40 cm ihrer Haarpracht abschneiden, bricht noch vor Ort im Friseursessel zunächst in Tränen aus, dann in sich zusammen, kriecht schreiend und kreischend über den Salon-Fußboden um mit zitternden Händen abgeschnittenes Haargut zusammenzuraufen und sich verzweifelnd und heulend mit irgendwelchen Utensilien am Kopf festzustecken, bis es (das Weibchen) realisiert, dass alles verloren ist und – freundlich gesagt – eine Marktkauftüte mit 2 Löchern auf dem Kopf für die nächsten 12 Monate das neue Styling ersetzen muss. Oder wird.
Das ist jedenfalls ungefähr das, was Dir als Mann in genau diesem Moment sehr sehr viel Angst macht.
Fakt ist: es gibt keinen Ausweg – das Weibchen hat längst entschieden und Du hast gar keine andere Wahl. Dein Job ist es nun, unter 273 verschiedenen Frisuren, die man Dir innerhalb von einer halben Minute bereits vorlegt, rauszufinden, welche der Liebsten denn wohl am ehesten stehen mag, obwohl Du genau weißt, dass es am Ende sowieso nur drauf ankommt, was die besten Freundinnen dazu sagen werden. Punkt. Als nächstes darfst Du großzügigerweise wenigstens dabei sein, wenn der teuerste Friseur am Platze dazu ansetzt, Deiner Frau etwa 25cm ihrer wunderschönen, langen Haare vom Köpfchen zu schneiden und zeigst regelmäßig “Daumen hoch!!” in Richtung des Spiegels, aus dem Dich zwei große, runde Kulleraugen nach Bestätigung flehend angaffen. Dieses “Daumen hoch!!” wird allerdings nur in Deinem Kopf von einem fast unhörbaren “Ach Du Scheiße…” begleitet, weil Du relativ genau weißt, wie sich der Rest des Tages gestalten wird: dramatisch.
Eine grobe halbe Stunde nach dem Besuch beim Promi-Friseur sitzt Ihr schweigend nebeneinander im Auto, Du trittst das Gaspedal bis zum Anschlag durch und nimmst auch auf 78jährige Gehbehinderte am Zebrastreifen keine Rücksicht, weil jetzt DEIN Friseur dazu auserkoren wurde das zu retten, was sich irgendwie noch retten lässt und gleich die banale Aufgabe bekommen soll, aus dem Beatles-Mireille-Matthieu-Haarschnitt der Frau eine kleine, elegante Heidi Klum zu formen – in seiner Haut möchte ich dann also mal so gar nicht stecken.
Das Drama entwickelt sich nur minimal weiter, als Ihr beim Lebensretter vor bereits verschlossenen Türen steht und Dir schlagartig bewusst wird: jetzt musst DU den Rest des Abends bis zum nächsten Morgen wirklich alles gebündelt auffangen, was Dir an Tränen, Wutausbrüchen, Depressionen und Panikattacken ungefiltert entgegenschlägt, musst Deiner Liebsten eine wunderbare Welt aus Notlügen, Ausflüchten und Beruhigungen aufbauen, damit wenigstens wenige Stunden Schlaf möglich sind: soooo schlimm sei es doch gar nicht, irgendwie habe die neue Frisur ja auch was (man wisse nur nicht genau, was), es sei doch schließlich auch mal was anderes und nicht immer das sonst gleiche, in den frühen 70er Jahren war sowas auch schonmal total “hip” und wenn man von schräg unten links gucken würde, dann würde man bei starkem Gegenlicht auch nicht ganz so irritiert sein, wie bei normaler Draufsicht.
DAS, liebe Leute, ist aber erst der Anfang, denn so eine Nacht kann dann durchaus seeeeehr lang werden, insbesondere wenn neben Dir ein Häufchen Elend Stunde um Stunde immer mal wieder von einer Seite auf die andere rutscht und genauso regelmäßig den ein oder anderen leisen, herzzerreißenden Seufzer in die höchst depressive Stimmung der dunklen Nacht fallen lässt. Jede Viertelstunde in dieser Nacht wirst Du geweckt, um Rat gefragt, noch mal zurückwachgeschüttelt und angenölt, wirst in die Seite geboxt und am Ende, so etwa gegen 05:30 Uhr am Morgen hektisch und fast panisch aus dem Bett gestoßen, weil man sich ja dringend noch vor der Arbeit zum finalen Friseurbesuch begeben muss, damit die Welt sich endlich wieder so dreht, wie sie es denn soll.
An dieser Stelle möchte ich noch mal anmerken: DU warst in dieser ganzen Geschichte nur Statist, Berater, Chauffeur und Tröster, hast mit offenem Mund und aufgerissenen Augen knapp 2 Tage lang völlig perplex neben diesem Häufchen Drama gesessen und wie paralysiert einfach diesem wundersamen Schauspiel beigewohnt, bis Dich endlich eine 18jährige Friseurinnen-Azubine für ein kleines Taschengeld aus diesem Endzeitdrama befreit hat – übrigens mit einem Ergebnis, von dem sich der überteuerte Promi-Friseur durchaus noch eine Scheibe von abschneiden könnte.
So oder ähnlich hat es stattgefunden, im Jahre des Herrn zweitausendneun – und führte schließlich zu einem Happy-End Dank des Männerfriseurs meines Vertrauens. Danke, lieber Gott.




herrlich, ich könnt mich totlachen, wenn meine vier entnommenen weisheitszähne nicht so weh täten.
Das freut mich – wobei man im Nachhinein ja auch über die schlimmsten Erfahrungen lachen kann… ;-)
Blabber, Du übertriffst Dich nochmal selber. Genial, ich hab’ mir “einen Schranz gelacht”, wie wir hier in der CH sagen. Mein Schatz will am Samstag zum Frisör. Ich stelle sicher, dass sie Dein Meisterstück noch vorher liest. Danke, Kumpel.
:o) sehr sehr schön! und sehr authentisch.
warum machen (wir) frauen sowas? ich versteh meine geschlechtsgenossinen da auch nicht. gut, die fehler des frisörs “reparieren” sich mit der zeit von alleine – aber das DAUERT!! und bis dahin die tüte-mit-löchern-option … nee, ist mir persönlich zuwenig kleidsam.
hach, was bin ich froh, dass ich auf eurer seite immer (naja, fast immer) amüsiert bis laut lachend mitlese – und meinereine und den bestesten kerl der welt darin nicht wiederfinde. :o) miteinander kommunizieren hilft. klare ansagen auch. aber die sind natürlich weit weniger amüsant zu lesen ;o))
grüße aus der brovinnz!