Archive for October, 2009
Wir Männer LIEBEN den “Aaaaaaaaaaaawww-Effekt”. Völlig egal ob die Frau vielleicht eigentlich grad als Nervenbündel ihre monatlichen Depressionen erlebt oder vor lauter Energie das heimatliche Kommando bis auf das Äußerste überspannt – zeig ihr ein Tierfoto mit einem frisch geschlüpften Elefanten-Baby oder einem putzig dreinschauenden Hundewelpen und ein langezogenes “süüüüüüüüüüüüüüüüß!!!”, untermalt von großen, gerührten Kulleraugen verwandelt sie innerhalb kürzester Zeit in eine emotional demütige und durchaus doch sehr sensible 5-Jährige. Immer.
Diese mütterliche Fürsorge in den kleinen Herzen unserer Frauen ist es dann auch, die die taffe Karriere-Frau oder Mode-orientierte Style-Lady allwöchentlich dazu bringt, sich auf dem heimischen Sofa einzumummeln und bei Lebkuchen und Tee den großväterlichen Veterinär dabei zu bestaunen, wie er Hängebauchschweinchen “Bifi”, dem fetten Hamster “Schröder” oder der alternden Hundedame “Frau Holle” die Zipperlein des Alltages erträglicher macht. Hier ein Flügel geschient, dort ein Tumor entfernt und am Ende in den wärmenden Armen der alleinstehenden Mitbürgerinnen geparkt, glücklich, gesund, geheilt. Ein dicker Seufzer durchdringt unser Wohnzimmer, die Welt ist gut und schön.
Nun – nicht immer gehen solche tierärztlichen Rettungsversuche gut aus. Ab und zu (eher sogar regelmäßig) kommt es dann also vor, dass das grippekranke Fuchsbaby oder die urururalte Dackeldame den Sprung zurück ins agile Leben nicht mehr so ganz schaffen wollen und eine erschüttert dreinblickende Jungveterinärin die erwarteten Worte überbringt: “Es wäre besser, wir würden ihr Leiden nun beenden.”
An dieser Stelle kannst Du als Mann einfach langsam mit dem zählen beginnen: …3…2…1… und Tränen los! Plötzlich sitzt neben Dir ein völlig zusammengekauertes Häufchen Elend, die Tränen schießen wie Sturzbäche über das errötete Gesicht, das Schluchzen wird nur vom ständigen Näschenputzen unterbrochen und die verlaufene Schminke geschickt hier und da am männlichen T-Shirt verteilt – schließlich musst DU jetzt trösten und Dir Argumente ausdenken, warum ausgerechnet Euer Hund der einzige auf der Welt ist, der garantiert EWIG leben wird und nie nie niemals unter die Erde kommt.
Jetzt ist es ja nicht so, als wüsste das Weibchen nicht, dass in diesen Sendungen regelmäßig auch schwerverunfallte oder böskranke kleine Tierchen auf nicht unbedingt soooo angenehme Weise aus dem Leben scheiden. Das tun sie nämlich IMMER in diesen Sendungen. Weiterhin ist es auch nicht grad so, dass Du nicht jedes Mal darauf hinweist, wenn Du Madame dabei erwischt, wie sie wieder einschaltet und schon mal die Taschentücher geschickt versteckt neben sich zu drapieren versucht. All das hilft aber nichts – wie ein kleiner verwirrter Lemming auf den tiefen Abgrund rennt die Tierliebe des Weibchens direkt auf die tränenreichen Abgründe des Herzschmerzes zu, schließlich bist DU ja da um alles wieder auszubaden.
Samstags eröffne ich ab jetzt übrigens ein Sorgentelefon für nervlich debile TV-Tierliebhaberinnen, 1 Minute für 2,99 EUR. Mann muss ja das Beste draus machen.
Frauen funktionieren in den wesentlichen Dingen gleich. Sicherlich gibt es auch Frauen, die keinerlei Probleme in Sachen Schuhe, Kosmetik, Kofferpacken etc. haben, aber der größte Teil der weiblichen Bevölkerung ist genetisch so vorprogrammiert. Ein weibliches Merkmal, was immer vorhanden ist, ist die Reaktion auf Babies. Die einen bei Menschenbabies, die anderen bei Tierbabies, die meisten bei beidem. Jungtiere, vor allem junge Säugetiere, lösen bei Frauen so gut wie immer einen Reflex aus, der ein besonders schrilles und langgezogenes “AAAAAAAWWWWW” produziert. Gut, es gibt auch Frauen, die darauf nicht anspringen, die finden dann aber reptile Babies süß.
ICH wiederrum finde bis auf Insektenkinder alle Tierbabies süß. Auf meinem iPhone ist die Zooborns-App installiert und bei jedem Foto, was mir meine Kollegen schicken, lasse ich – in der Regel gemeinsam mit meiner Kollegin – die Arbeit für ungefähr zwei Minuten liegen und freue mich über mein erwärmtes Herz. Das müssen noch nicht mal Welpen sein, ein großer Hund tut es auch. Irgendwie finde ich Tiere meditativ, ich könnte ihnen stundenlang zugucken. So auch im Fernsehen.
Wenn wir samstags den ganzen Samstag-Driss hinter uns haben, der Kühlschrank voll und die Wohnung blitzblank geputzt ist, gucke ich gerne Hund, Katze Maus & Co. Da gibt es neugeborene Kätzchen, denen das Schicksal einen Schuhkarton zwischen zwei Mülleimern als Endstation vorhergesehen hat, verstoßene Affenkinder, die von irgendwelchen Menschen in 10 m2-Apartements groß gezogen werden, Elefanten, die nach 10 Jahren mit amputiertem Bein plötzlich dank Prothese wieder laufen dürfen. In der Regel ganzganz tolle, herzerweichende Schicksale von diesen putzigen Kreaturen, die irgendwie nicht so ganz in der Lage sind, auf sich selbst aufzupassen und deswegen wie das Eichhörnchen letztens einfach vom Baum auf den Frühstückstisch auf der Veranda fallen und zum Arzt müssen. Meistens geht das gut und meine Welt ist in Ordnung, oft genug aber auch nicht und dann sitze ich da.
Ich weiß nicht, warum es mich so mitnimmt, wenn ich zusehe, wie ein 17 Jahre alter Hund eingeschläfert wird. Oder nein, ich weiß nicht, was mich mehr mitnimmt: der Hund, der ein saucooles Leben gehabt hat und jetzt davor bewahrt wird, die letzten zwei Monate seines Lebens mit höllischen Schmerzen zu verbringen oder das Herrchen, das seinen besten Freund der letzten 17 Jahre höchstpersönlich töten lässt und dabei dermaßen fertig ist, dass er noch nicht mal dabei sein kann und lieber draußen bleibt und heult. Wahrscheinlich ist es ein Mix aus beidem, aber ich fang sogar an zu plärren, wenn ein junger, wilder Fuchs mit neurologischer Störung bedingt durch einen Virus seinem ohnehin drohenden Ende etwas schneller näher gebracht wird. Und ich kann. Nicht. Umschalten.
Monsieur sitzt für gewöhnlich in diesem Moment irgendwo in meiner Nähe, guckt aber nicht mit, sondern checkt seine Emails. Wenn er aber in einem kurzen Moment rüberguckt und realisiert, wie ich erst mich und dann unseren Hund tränenüberströmt selbst geißele bzw. zwangskörperkontaktiere, wird er leicht hysterisch und versucht, mich dazu zu bewegen, mir einen anderen Sender zu suchen. Jedes Mal verspricht er mir, dass das mit unserem Hund niemals passieren würde, weil unser Hund ja ewig lebt. So weit, so sensibel. Sind die Sendungen nämlich vorbei, wird sich lautstark darüber lustig gemacht, Woche für Woche. Dabei würde ich an seiner Stelle, als Dauerschniefer bei “Nur die Liebe zählt”, den Ball lieber mal ganz flach halten.



