Archive for November, 2009
Als Frau steht man ja quasi ständig in der Pflicht, sich hübsch zu machen. Nein, nicht nur für das eigene Wohlgefühl, sondern ganz sicher auch, um dem Liebsten die Argumente für das Angaffen anderer Frauen zu nehmen. Und als ob es nicht reichen würde, dass man sogar abends zu zweit auf der Couch das Gefühl haben müsste, statt in bequemen “Haus-Klamotten” (dabei ist nicht die Rede von einem Ballonseide-Anzug) doch besser im Minirock vor dem Fernseher hin- und her zu staksen, nein – schön ist auch: “Deine Fingernägel sehen irgendwie aus wie die eines kleinen Jungen.”
Leider ist es manchen Frauen genetisch bedingt nicht möglich, sich die eigenen Krallen so gepflegt wie möglich auf eine ansehnliche Länge zu züchten, deswegen sind sie generell kurz. Auch mit Lack und egal in welcher Farbe: kurz. Sehr kurz. Da ich jedoch selber nicht besonders glücklich über diesen Umstand bin (Frauen mit dem gleichen Problem werden wissen, welches Problem gemeint ist) und ich zumindest zwei Millimeter über Fingerkuppe hinaus schon noch vertretbar finde, ist es durchaus verzeihlich, dass sogar ich mal ein Nagelstudio besuche. Am Ende einer solchen Session komme ich weder mit gepiercten, geairbrushten, viereckigen, deckweißbespitzten Megakrallen da raus, sondern mit einem verstärkten Fingernagel, der einen ganzen Millimeter länger ist, als wenn ich ihn direkt dort, wo er wächst, abschneiden würde und der über die Dauer bis zum nächsten Besuch maximal zwei weitere Millimeter länger wird. Sprich sie sind immernoch kurz.
Nun sieht es aber so aus, dass man einer solchen Prothese erstmal habhaft werden muss, ist man ja nicht gewohnt. Da können alltägliche Dinge zu einer Herausforderung werden – es war ja vorher egal, ob er wieder mal “abgebrochen” ist, war ja so dünn, dass man es kaum gemerkt hat. Die Eingewöhnungsphase dauert nicht allzu lang, aber es gibt handwerkliche Tätigkeiten, auf die frau dann einfach ganz gerne erstmal verzichtet, um nicht direkt eine Woche später wieder irgendwas nachbauen zu lassen. Sicherlich ist es für Monsieur ungewohnt, mir plötzlich bei ganz selbstverständlichen Dingen zu helfen, die ich vorher auch ohne ihn geschafft habe. Hat aber weniger damit zu tun, dass ich mich plötzlich nicht traue, eine Konservendose mit Ring am Deckel aufzuziehen bzw. diesen Ring hochzuklappen, sondern mehr mit der Tatsache, dass der Liebste aufstehen und in die Küche kommen muss. Im Kochprozess kurz anwesend sein und helfen, statt im Wohnzimmer zu warten, bis die Teller wie von frisch manikürter Geisterhand auf dem Tisch erscheinen.
Faktisch wird also nun auch alles andere, was vorher mit Jungsfingernägeln irgendwie nicht sexy genug oder schön unkompliziert war, zur Folter. Mal gedankenlos den Nacken des Liebsten kraulen kann ein Bild der Verwüstung in Form von roten Streifen hinterlassen, eine Mail tippen kann schon mal aussehen, als ob der Verfasser eine auf der Tastatur laufende Katze wäre und versehentlich mit dem Daumen im Vorbeigehen eine Wand zu streifen (gegen den “Strich”) erzeugt Schmerzen, die es locker mit der Klasse “barfuß mit dem kleinen Zeh vor das Tischbein knallen” aufnehmen können. Aber man gewöhnt sich dran. Man weiß ja auch, wofür man es tut. Unter anderem. Unschön ist nur, wenn man nach dem zweiten, tapferen Mal Maniküre nach Hause kommt und hören muss: “Das sieht ja genauso aus, als wenn du gar nichts drauf hättest. Wie ein Junge.”
Frauen haben ja von Mutter Natur aus einen kleinen Vorteil, was das “Körperliche” angeht: nicht nur, dass sie alltäglich damit beschäftigt sein können, sich lustige kleine Zöpfchen in wöchentlich andersartig gefärbte Haare zu flechten, sich stundenlang mit mehrphasigen teuren Crèmes einzureiben oder sich von teuren Kosmetikerinnen die zarten Gesichtchen massieren zu lassen – nein, der liebe Gott hat ihnen auch noch zehn Fingerchen und zehn kleine Zehen gegeben die sie sich – Achtung! – bunt anmalen können.
Gottseidank trennen sich hier relativ schnell die Geschmäcker, denn während sich die einen lustige kleine Delfine auf gepiercte und überlange Fingernägel glitzern lassen, reicht es bei anderen dann doch dafür aus, sich von einer völlig fremden Frau stundenlang mit einer Feile schleifen zu lassen und am Ende relativ stolz mit Fingernagel-Prothesen durch die Welt zu laufen, die den gesamten Alltag auf den Kopf stellen.
“Schaaaatz – kannst Du bitte mal die Dose aufmachen?” Klar.
“Babieeee – kannst Du mir mal die Zanpastatube öffnen?” Na sicher.
“Verdammt, 10 Rechtschreibfehler in einer SMS!” Na sowas.
Da guckst Du also quasi dabei zu, wie sich die Frau an Deiner Seite zu einem grobmotorischen Problemfall entwickelt und wunderst Dich dann gleichzeitig immer wieder darüber, warum sie denn dann trotzdem alle paar Wochen in dieses sogenannte “Studio” fahren, wo ihnen eine junge Dame in klinisch korrekter weißer Krankenschwesternbekleidung und mit der wichtigen Mine einer Oberärztin geradezu im Stil einer Not-OP aus ganz normalen und von der Natur geschaffenen Fingernägeln kleine Rembrandts formen. In eben genannten Abständen hüpft Dir die Liebste neben Dich in das Auto und hält Dir freudestrahlend ihre äußeren Extremitäten ins verdutzte Gesicht, nicht ohne Dich gleichzeitig darauf hinzuweisen, wie unfassbar glücklich sie denn nun ENDLICH in ihrem Leben wäre.
Für den Bruchteil einer Sekunde siehst Du kurz “Edward mit Scherenhänden” vor Deinem inneren Auge neben Dir sitzen, hältst aber irgendwie doch noch jedes Wort dazu zurück und hast natürlich auch überhaupt gar kein Problem mit der weiblichen Bitte, doch noch kurz reinzugehen und den Spaß zu bezahlen, denn schließlich hast Du grad noch gesehen, dass Du ja 15 Euro im Portemonnaie hast. AHAHAHAHA!!! FÜNFZEHN!! Ich stelle fest: wenn es eine Branche gibt, die unter Garantie nicht an der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise kränkeln wird, dann weiß zumindest ICH, welche das sein wird und bin fast schon versucht, “Er so’s kleine Nagelbutze” hier im Dorf zu eröffnen.
Übrigens, meine Damen: es gibt automatische Dosenöffner, Zahnpasta mit Drehverschluss und Handys mit Stift. Ihr wolltet es doch so!



