Archive for December, 2009
Eine Frau braucht Platz. Eine Frau braucht VIEL Platz. Eine Frau braucht große Kartons, bunte Schachteln, riesige Schubladen, hübsche Kommoden, hohe Regale, kleine Boxen, teure Taschen, rollende Koffer oder sogar ein begehbares Ankleidezimmer, um all ihr Hab und Gut – welches sich evolutionär regelmäßig und unbemerkt durch Zellteilung vermehrt – auch perfekt an jedem Ort in ihrem näheren Umfeld verstauen zu können.
MEINE Frau hat sich dafür unser Auto ausgesucht.
Ich halte es für fast schon für einen (r)evolutionären Grundgedanken: wenn das Weibchen morgens noch nicht so ganz genau weiß, welche Schühchen denn nun zum Business-Anzug passen oder welcher Schal die höchst dekorative Mütze ergänzen würde, dann nimmt man eben direkt 3 Paar Schuhe und 4 verschiedene Wollknäuel mit ins Büro und entscheidet dort kurzerhand mit den Kolleginnen vor Ort. Grundsätzlich hätte ich an diesem Plan ja gar nichts auszusetzen, schließlich befreit er mich doch von ziemlich aufwendigen Beratungsstunden morgens noch vor Kaffee und Bad – jedoch hat die Sache einen kleinen Haken: SÄMTLICHE Auswahlgegenstände verbleiben bis auf weiteres und dauerhaft ungeordnet in den 4 Wänden unseres feinen Familienfahrwerks.
Man möchte meinen, die Liebste versucht tatsächlich und unbemerkt von männlichen Einflüssen die Errichtung eines fahrenden Zweitwohnsitzes (pardon – einer Höhle) zu forcieren, denn nach und nach schleppt sie wie eine kleine diebische Elster die überlebenswichtigen Grundlagen eines Haushaltes aus den verschiedenen Wohnräumen zusammen und lagert sie – natürlich ebenfalls unsortiert – in der Familienkutsche ein. NOCH erkenne ich kein Muster: die Seitenablagen angefüllt mit Briefumschlägen und diverser Post, 8 CDs, 5 verschiedene Sonnenbrillen, 2 Handcrèmes, 3 Labellos, der Fußraum beinhaltet 2 Flaschen Wasser, 1 Flasche Saft, 2 Paar Flip-Flops und Ersatz-Socken, dazu die letzten 3 Ausgaben vom Focus (ungelesen) und der “In Touch”, sowie einen Apfel und Werbeblätter der örtlichen LIDL-Niederlassungen in doppelter Ausführung.
Lassen wir uns jetzt doch einfach mal sanft in den Fahrersitz gleiten und neigen den Kopf vorsichtig in Richtung Rückbank – zumindest die grobe Richtung, denn dort vermuten wir sie in den meisten Fällen. Da haben wir sie: gepflegt unsortiert werden die Fußräume als Lagerstätte für 3 bis 4 unterschiedliche Schuhe genutzt (die jeweiligen Gegenstücke vermute ich aktuell im Kofferraum) und etwas dekorativ mit buntem Leergut angefüllt, während die Sitzflächen mit mehreren, farblich zum genannten Schuhwerk passenden Handtaschen besetzt ist und im Übrigen auch noch durch zwei, den Wetterverhältnissen anzupassenden Jacken oder Mänteln verschönert werden. Wir finden außerdem: eine leere Laptoptasche, verschiedene Leckerlies und Futter für den Hund sowie Sportkleidung für die nicht besuchten Abendkurse nach der Arbeit.
An dieser Stelle mache ich mir dann DOCH erste Gedanken darüber, ob meine bessere Hälfte vielleicht darüber nachdenkt, sich für den Fall der Fälle eine Rückzugsmöglichkeit einzurichten – da ich aber bisher noch keine weiteren Kosmetikartikel gefunden habe, bin ich für’s erste dann doch beruhigt. Ohne geht ja nicht.
Auch meine Hoffnung, wenigstens noch im Kofferraum ein wenig Ordnung und Disziplin vorzufinden wird kurze Zeit später zerstört – neben 2 Einkaufskörben, einem Adventskalender von 2008, einem Regenschirm, dem ergänzenden Schuhwerk und 2 leeren Kartons (“die brauche ich doch noch für Ebay!!“) lässt sich leider nur noch ein weiterer Stapel Altpapier ausmachen (“die lese ich ALLE noch!!“), während es meinen ganzen Körpereinsatz benötigt, selbigen Kofferraum doch irgendwie wieder zu verschließen.
Ein wenig zerknirscht fahre ich jetzt übrigens zur Tankstelle – ich muss den Reifendruck erhöhen.
Für viele Männer ist das Auto quasi die zweite Geliebte, direkt nach der Arbeit. Sie investieren schon im Fahranfängeralter viel Zeit und Geld um ihren fahrbaren Untersatz nach dem Maximalprinzip in das größtmögliche Phallussymbol in einem Radius von 50 KM zu verwandeln. Später sind Autos so gut wie immer Statussymbole, je nach Fall gemessen an entweder immer noch viel zu großen Auspuff-Endtöpfen oder am Logo auf der Motorhaube und dem damit verbunden Listen-Verkaufspreis.
Bei meinem Gatten ist das etwas anders. Solange das Auto für den alltäglichen Gebrauch nicht ein uraltes Käfer-Cabrio Schätzchen oder ein nagelneuer oder ebenfalls uralter Ford Mustang GT ist, ist es halt ein Auto. Bringt uns von A nach B, ist dabei – im Gegensatz zum öffentlichen Nahverkehr – von Menschenansammlungen befreit und man kann die Innentemperatur nach Lust und Laune regeln. Meistens jedenfalls. Und man kann es als fahrende Müllkippe benutzen.
Interessant ist aber, dass Monsieur sich gerne darüber aufregt, dass ich ein paar überlebensnotwendige Dinge mit uns rumfahre, er aber das ganze Auto vollmüllt. Mit perfidem System. Erst wird alles in den Fußraum hinter dem Beifahrersitz geworfen, sobald es dort zu voll wird, der zaghafte Versuch, den Fußraum hinter dem Fahrersitz unter Bergen von stinkenden BiFi-Hüllen, nicht ganz leeren Red Bull-Dosen, fettigen Big Tasty Bacon-Verpackungspapieren und leeren Zigarettenschachteln verschwinden zu lassen und wenn ich hier Einspruch erhebe (das sehe ich ja schließlich, wenn ich mich zu unserem Hund umdrehe), ist einfach mein Fußraum dran. Irgendwann, wenn ich meinen Sitz weder vor, noch zurück kriege, weil wieder irgendeine schlückchenweise angetrunkene und von außen erschreckend klebrige 0.33 Liter-Colaflasche den Weg versperrt, muss ich auch hier einschreiten. Aber wo das ganze Zeug dann hin geht, ist auch klar: in meine Handtasche.
Und es ist ja nicht so, als ob das alles wäre: Sperrmüll wird tage-, nein wochenlang durch die Gegend, aber niemals zur Müllkippe chauffiert, eine beträchtliche Jacken- und Kleiderbügelsammlung im Auto ist schuld daran, dass er in unserer Wohnung darüber meckert, nichts anzuziehen bzw. aufzuhängen zu haben. Und dann gibt es ja noch Briefumschläge. Solche, die schon seit zwei Wochen verschickt werden müssen und solche, die es vom Briefkasten gar nicht erst in die Wohnung geschafft haben, weil er – ausnahmsweise überhaupt mal – die Post beim Verlassen des Hauses aus dem Kasten geholt hat, nicht beim Betreten. Im Idealfall sind das dann die Briefumschläge, die 2-3 Wochen später mit irgendwas zwischen 3 und 15 € Mahngebühren on Top noch mal frei Haus geliefert werden. Die Zeitschriften, die ich ihm regelmäßig aus dem Büro mitbringe und deren Aktualität irgendwann vor drei Monaten verloren gegangen ist, sind seit ihrer Einlieferung in unser Auto eigentlich nur als Flüssigkeiten-Aufsauger benutzt worden.
Der Liebste ist kein Jäger, sondern ein Sammler. Zumindest in unserem Auto und was Müll betrifft. Und die Entfernung dessen kommt einem Hausputz gleich, mindestens ein gelber Sack und 3 € Pfand kommen dabei an die Oberfläche. Bis es überhaupt soweit kommt können Monate vergehen, oder ich schmeiße den Großteil beim nächsten Boxenstop einfach selber weg. So wie zu Hause, da bringe auch ICH in der Regel den Müll runter.
Es hat sicherlich einen Grund, weswegen um die Weihnachtszeit herum die meisten Selbstmorde passieren, Ehen geschieden werden und Familienmitglieder beschließen, nie wieder miteinander zu sprechen. Für die einen ist Weihnachten der Inbegriff der wohligen Stimmung, für die anderen ist es einfach nur nervig.
Ein grundsätzliches Frauen-”Problem” ist das mit der Deko. Das können wir im übrigen Jahr schon besser als Männer, Weihnachten laufen wir aber zu Höchstform auf. Auch wenn in unserem Haushalt aus glaubenstechnischen Gründen eigentlich gar kein Weihnachten stattfinden muss, gehöre auch ich zu den Menschen, die um den 1. Advent herum gerne zumindest ein bisschen kitschige Stimmung in die Wohnung dekorieren. Das Männchen möchte gerne Plätzchen bekommen – kriegt es. Aber dafür muss der Rest ja auch stimmen.
Danach zu fragen kann jedoch in unserem Fall schon mal mit einer akuten Panikattacke des Liebsten quittiert werden, nach der Ansage: “Lass uns doch gleich mal gucken, ob wir uns ein komplett neues Set kaufen” brauchte er erstmal 90 Minuten Zigaretten-, Kaffee-, und Mafiawars-Pause, um das gerade gehörte zu verarbeiten und sich mental darauf vorzubereiten. Auf die Fahrt in die böse, böse Innenstadt. IKEA habe ich uns beiden erspart, nachdem er fast weinend auf dem Boden sitzend und an meinem linken Bein hängend versucht hat, mich davon zu überzeugen, dass bei IKEA am Samstag vor dem 1. Advent nur Grinches rumlaufen, die uns sowieso alles vermiesen wollen.
Interessanterweise vollzieht mein Exemplar dann im ersten Laden aber eine ganz merkwürdige Wandlung. Plötzlich werden Kugeln in die Hand genommen, Eiszapfen für cool befunden, ein weißer Tannenbaum bestaunt. Zumindest eine Zeit lang, anschließend kann der erste ernstzunehmende Versuch, meiner vorweihnachtlichen Gelüste Herr zu werden, durchaus in einem viertel vor hysterischen Streit ausarten, weil a) zu viele Menschen gleichzeitig den gleichen Gedanken haben, b) “das ganze Zeug überhaupt nicht in unsere Wohnung passt”, c) “hier nichts unserem geplanten Farbkonzept entspricht”, d) unser Hund gemeinschaftlich mit einem anderen einen volldekorierten Plastiktannenbaum umreißt.
Im nächsten Laden angekommen dreht mein Gatte plötzlich zu Hochform auf: nach dem ersten “Guck mal, da….” ist er verschwunden. Da kann man als Frau schon mal ein bisschen Angst kriegen, weiß man doch, dass zu viel Glitzerzeug, buntes Lametta und nach Lebkuchen riechende Teelichter in zu hoher Konzentration dafür sorgen können, dass irgendwann die Durchsage kommt, ich möge bitte meinen weinenden Mann an der Information abholen. Und plötzlich steht er da, bis zum Hals mit bunten Glaskugeln und Lametta dekoriert, sich wie ein 6jähriger über die Ausbeute freuend:
“Guck mal, wie findest du denn diese Farbkombi?!”
“Ja, schön – aber wir haben keinen Tannenbaum..”
“Oh, stimmt ja..”
“Aber wir könnten dieses Jahr ja endlich mal einen kaufen, ich hatte ja noch nie einen..”
“Wir sind doch nicht da!”
“Doch, vorher den ganzen Monat schon.”
“Ok.”
Das neue Farbkonzept stand also und plötzlich lief er mit dem Einkaufswagen weg und fing an, alles reinzuwerfen, was auch nur ansatzweise diesem Konzept entsprach. Gut, hier und da muss man dann auch hart durchgreifen, ich fand diese Lichter-Holz-Brücken schon als Kind mehr als hässlich. Am Ende war es natürlich die weibliche Hand, die überflüssiges Zeug aussortiert hat und ziemlich gestresst schnell in Richtung Kasse drängelte, weil wir ansonsten ab sofort in einem Lebkuchenhaus wohnen würden.
Zuhause angekommen musste Monsieur sich erstmal wieder bei einer 90minütigen Zigaretten-, Kaffe- und Mafiawarspause von den Strapazen erholen, die ICH IHM angetan habe. 90 Minuten, in denen ich dann bei Weihnachtsmusik nicht nur alleine Plätzchen backen, sondern auch die Wohnung dekorieren durfte. Natürlich nicht ohne Anweisungen, welches Element in welcher Ecke unserer Wohnung besser aussehen würde. Und ohne vorherige Klarstellung:
“Das ist doch Mädchenkram, ich muss hier was machen – du kannst das ja auch viel besser.”
Ja. Und heute gehts mädchenmäßig zu IKEA, den Rest kaufen.
Sie so: “Schatz?”
Ich: “Hm?”
Sie: “Ist Sonntag nicht der 1. Advent?”
Ich: “Hmmm.”
Sie: “Heißt das, wir können das ganze Wochenende DEKORIEREN???!!!!”
Autsch. An dieser Stelle spüre ich zunächst ein leichtes Ziehen und Kribbeln im Nacken, während sich in der Ummantelung eines kühlen Nebels ein grausiges, fast heiseres Kichern in meine Ohren drängt – mit gierigen Augen voller bunter Kugeln und einem glitzernden und blinkenden Schlund starrt er mich hypnotisierend an: der Geist der Weihnacht des Jahres 2009. Ich reibe mir kurz die Augen und rülpse laut verneinend, als sich die schemenhafte Gestalt wieder in mein Liebchen zurückverwandelt und mich 2 aufgerissene, strahlende Kinderaugen anblinzeln…
Sie: “Kaufen wir uns dieses Jahr auch einen Weihnachstbaaaaaaaum? Bittebittebittebitte???”
Ich: “Schatz – wir sind aber doch Weihnachten gar nicht hier?”
Sie: “Aber VORHER doch immer! Und das ist hübsch! Das ist soooo hübsch!”
Ich: “Wir haben doch nicht mal Kinder, die sowas toll finden?”
Sie: “Aber MICH! Ich finde das hübsch! Das ist soooo hübsch!”
Ich: “Schatz?”
Sie: “Hm?”
Ich: “Drehst Du durch?”
Sie: “Hmm… wenn ich keinen Baum bekomme – vielleicht…”
Ok. Das ist eindeutig. Aufgabe des Samstagvormittages: gefühlte 8 Stunden lang durch verschiedene Supermärkte hetzen und die wunderbarsten Glitzer-Blitzer-Kugel-Aufhänger-Figürchen-Dings in sämtlichen Farben, Formen und Zusammenstellungen aussuchen, zwölf verschiedene Silbertöne für’s Lametta über die Arme hängen (“Stell Dich mal mehr hin wie ein Baum!!“) und zwischendurch an diversen, sicherlich giftigen Kerzenstumpen mit tollen Weihnachstdüften schnüffeln, damit das Hexenzuckerhaus auch wirklich weihnachtlich duftet. Vorgabe des Tages: dringend neue und todschicke Deko ersteigern, die uns die nächsten Jahre durch stilvolle Weihnachtstage begleiten soll. Die Klaue des Geists der Weihnacht schiebt sich kalt und langsam um meinen Hals…
Zuhause angekommen stellt der Weihnachtszwerg an meiner Seite zunächst einmal fest, dass wir ja – oha! – erst letztes Jahr schon so ziemlich alles neu erworben hatten, weil – oha! #2 – wir da ja AUCH Weihnachten hatten! Ich für meinen Teil sehe mich da ja jetzt nicht sooo verantwortlich, denn schon damals habe ich selbstverständlich sämtliche Verantwortung in Fragen der dekorativen Heimgestaltung an Knecht Ruprecht mit den Knopfaugen abgegeben, so dass ich mir dafür jetzt natürlich nicht den Hut – pardon, die Zipfelmütze aufsetze.
Nichtdestotrotz steht der Plan: die heimische Keksbäckerei (und nebenbei der ganze Ort) wird lautstark mit Bing Crosby’s “Let It Snow” beschallt, der Vierbeiner bekommt kurzerhand ein Rentier-Geweih über das Köpfchen gestülpt und zu einem leckerem Weihnachtsfläschchen Baileys stürzt sich die Dame des Hauses auf so ziemlich alles, was in irgendeiner Form mit irgendwas behangen, begrünt, beschmückt oder dekoriert werden kann. Father Christmas (also ich jetzt) fläze meinen Allerwertesten genüsslich auf die Couch und gebe gezielt, fast professionell, Anweisungen und hilfreiche Tipps aus, die der Liebsten ihre Arbeit durchaus erleichtern – irgendwer muss ja auch das übernehmen.
Fazit des Tages: 2 Bleche Vanille-Kipferln gebacken und umgehend verspeist, 12 neue Kerzenlichter in der Wohnung drappiert, einen einwöchigen Ohrwurm festgezurrt (Danke, Herr Crosby!), 437 kleine Weihnachtsmann-Figuren in den vier Wänden verteilt und eine glückliche Frau.
Nur noch kein Baum – den kaufen wir heute.





