Mich persönlich beschleicht ja in den meisten Fällen eine eher unschöne innere Grund-Unruhe, wenn ich bei dem Blick aufs Telefon FÜNF Anrufe in Abwesenheit von der Liebsten zu sehen bekomme – zum einen, weil es morgens 8:00 Uhr ist, zum anderen, weil die Kommunikationsanfragen direkt von der knappen, aber deutlich unfreundlichen Kurznachricht “Warum gehst Du nicht ans Telefon???” untermauert werden. Das Zurückrufen in einer solchen Situation ähnelt ein bisschen dem Öffnen eines Briefes mit der Aufschrift “Finanzamt” oder “GEZ” – man weiß nicht, was einen erwartet, aber es kann auch eigentlich nur was Schlimmes sein…
Ich wähle. Es klingelt. Es klingelt noch mal. Am anderen Ende der Verbindung höre ich plötzlich, wie ein nervlich völlig überlastetes, am Boden zerstörtes Häufchen Elend mit zitternder Stimme in den Hörer schluchzt…
Sie: “WO BIST DU?! Du bist so ein gemeines Arsch, wie konntest Du mir das nur antun?! Dass Du SO unverschämt und böse sein kannst, das hätte ich nie nie nie (!) von Dir gedacht!!! Wie konntest Du mir so weh tun und so wenig Rücksicht auf meine Krankheit und meine Gefühle nehmen? Wie konntest Du SO herzlos sein und mit dieser Frau rummachen?? Mir ging es so schlecht und Du lässt mich einfach da stehen und läufst auch noch weg und weißt genau dass ich alleine nicht hinter her komme und dass ich viel VIEL zu schwach bin und dann lachst Du mich auch noch aus und schubst mich einfach zur Seite…”
Für einen kurzen Moment bin ich nicht sicher, ob ich die richtige Nummer gewählt habe, traue mich dann aber doch, ein “Ääääääh – WAS?” in den Hörer zu flüstern.
Sie: “Ich habe so schlimme Sachen von Dir GETRÄUMT!!!”
Halleluja. Nicht, dass Du als Mann ja nicht eh schon relativ regelmäßig in der Position bist, Dich als unsensibler Grobian darstellen zu lassen, der ja kaum Verständnis für die zarten Seelchen einer Frau hat und sowieso gar nicht nachvollziehen kann, wie diese engelsgleichen Geschöpfe der Natur denn nun wirklich ticken – JETZT muss Du Dich auch noch für Sachen rechtfertigen, die Du nicht nur NICHT, sondern wenn überhaupt dann auch noch in einem Traum (!) getan haben sollst, was Dich eine an sich recht logische Argumentationskette für Dein Verhalten (welches ja real gar nicht existiert) allgemein nicht ganz soooo einfach aufbauen lässt. Um es auf den Punkt zu bringen: IST DAS WEIB JETZT TOTAL DURCHGEKNALLT??
Gottseidank bin ich ja doch ein wenig erfahren im Umgang mit der weiblichen Chaos-Denke und kriege mich – wenn auch eher langsam – irgendwie doch noch in den Griff: ich spule die Headlines sämtlicher Beziehungs-Notfallpläne und Beruhigungsmaßnahmen in Extrem-Situationen ab und versuche durch sonores Einreden auf das schluchzende Elend mit ruhiger und sanfter Stimme erst einmal das Wimmern abzustellen, damit Puls und Atmung der Frau wieder ein akzeptables Mittelmaß erreichen. Ich finde heraus, was ich im Traum alles verbrochen haben soll (bin dabei ETWAS verletzt, weil man mir unterstellt, ich habe sie trotz ihres angeblichen Luftröhrenschnittes meine Koffer schleppen lassen, während ich mit einer meiner Affären (Mehrzahl!) nach Hause geturtelt bin) und konzentriere mich intensiv darauf, keine falschen Aussagen oder sogar Lacher raus zu lassen, da die Situation jederzeit wieder zu kippen droht, was wahrscheinlich in einem hysterischen Schrei-Anfall gipfeln könnte.
Ich versichere eindringlich und wiederholt, dass die Liebste nicht nur KEINEN Luftröhrenschnitt hat (was ein kurzer Blick in den Spiegel ja doch irgendwie überzeugend belegen würde), sondern auch, dass ich genau wie sie die letzten 7 Stunden geschlafen habe und mich nach dem Aufstehen tatsächlich direkt auf den Weg ins Büro gemacht habe – ohne Koffer und ohne anderweitige weibliche Begleitung. Gebetsmühlenartig wiederhole ich meine Beschwörungen, komme mir ein wenig vor wie ein murmelnder Voodoo-Priester – schließlich müssen mich die Kollegen ja nicht unbedingt hören, wenn ich gerade sage: “Schatz, ich würde Dich trotz Deiner körperlichen Behinderung doch nicht meine Koffer schleppen lassen!” oder “Mausi, ich mache doch nicht mitten auf der Straße mit der anderen rum, wenn DU heulend daneben stehst!”.
Wichtig an dieser Stelle: die gute Mischung aus beruhigen, aufbauen, knuddeln und reanimieren. Nicht ganz leicht, wenn man 400 Kilometer entfernt von zuhause am Telefon sitzt, während ein Haufen Kollegen um Dich herum wuselt und Dir damit nicht die beste Ausgangsituation für sowas schafft. Aber ich wäre ja nicht ICH, wenn ich nicht auch das bewältigen würde – und so schaffe ich es nach etwa 30 Minuten der Beschwörung und Liebesbekundung tatsächlich doch, die Dame am anderen Ende der Leitung davon zu überzeugen, dass sie wirklich ganz problemlos joggen gehen kann, weil ihr KEIN Schlauch aus dem Kehlkopf hängt und dass ich auch wirklich keine Überwachungskamera über meinem Bett brauche, wenn ich nicht zuhause bin.
Als wir auflegen und ich mein Büro verlasse, schaut mich ein Kollege verständnisvoll an, Klopft mir wortlos auf die Schulter und verschwindet seufzend an seinem Platz. Wir verstehen uns, wir Männer.




Jaja, ihr habt’s schon schwer mit uns, hmm ;-).
So oder so, danke für den Lacher des Morgens :-D
Ich glaube – WENN, dann dürfte es eine Frau sein, die die Chaos-Theorie eines Tages detailliert erklären kann, denn nur bei Euch findet sie ständig in den Köpfen statt… ;-)
Goldig – ich hab’ gelacht, bis fast zum Luftröhrenschnitt. Erlaube mir, den Link hierzu meiner Maus am andern Ende der Stadt zu schicken. :-)
Herrlich geschrieben… Lese nachher mal den anderen Kram…
Woher kennst du mein Leben? ;-) Kenne das nur zu gute. Schön das ich nicht die Ausnahme bin…
Was hab ich grad gelacht…so was ähnliches hatte ich auch mal, aber aus Männersicht kannte ich das noch nicht ;-)
Gut geschrieben. Aber wie immer auf der Seite der Dame. WIE KONNTEST DU NUR!?!