Diskussionen
Wenn frau irgendwann mal an sich runtersieht, oder den Blick in einen Spiegel wirft, fällt ihr auf, was sich in einem Beziehungsleben alles so verändert hat: in erster Linie der eigene Körper. Im Singlemodus noch rank und schlank und vollkommen problemlos immer wieder die ein, zwei Kilo zum Traumgewicht heruntergehungert, weggesportelt und/oder -gefeiert, ist ein Beziehungs- oder Ehekörper irgendwann träge und aus der Form geraten. Es wäre dann auch sehr einfach, sich einzugestehen, dass man sich eventuell etwas hat gehen lassen, sowas will man sich aber auch nicht eingestehen, selbst wenn man weiß, dass es so ist. Klingt ja auch irgendwie unschön. Es ist auch nicht dieses Gehenlassen, welches man in irgendwelchen Boulevard-TV-Formaten bestaunen kann, sondern einfach die Bequemlichkeit, die ein solches Leben mitbringt.
Für Sport ist keine Zeit, gefeiert wird aufgrund fehlender Jagdinstinkte nicht mehr, abendliches Dinner-Cancelling wird gecancelt, weil man ja jemanden zu versorgen hat. Die Durchschnitts-Singlefrau kommt auf 2 Mahlzeiten am Tag (also die, die Frühstück braucht), ab und zu (sprich ca. 2, 3x die Woche, je nach Date-Terminplanung) auch auf 3. Die Ehefrau kommt bei anständiger Maßregelung auf mindestens 3 Mahlzeiten am Tag, die letzte besonders üppig und garniert mit einem süffig-süßen Dessert, das ganze ungefähr 5x die Woche, am Wochenende können es durch diverse Zwischenmahlzeiten auch schon mal grob 8 Mahlzeiten sein. Es wird nichts weggeschmissen, irgendwer isst den Rest immer und ungefähr 10 Monate später wiegt man zwischen 5 und 15 Kilo mehr. Egal ob Mann oder Frau.
Dem Mann fällt sowas meistens erst dann auf, wenn er aus der Versenkung auftaucht und seine Jungs trifft, die ihn dann fragen, ob die Frau gut kochen kann. Der Frau fällt es oft schon viel früher auf, sie ist aber aufgrund der neu auferlegten Essgewohnheiten viel zu sehr damit beschäftigt, ihn dafür verantwortlich zu machen, als selber was zu tun. Den Zeitpunkt haben wir nun überschritten.
Wenn Kosenamen wie “Fetty”, “Moppel”, “Mopsi” oder “Seekuh” irgendwann ganz selbstverständlich über die Lippen gehen und nicht nur äußerst selten mal spaßeshalber in eine Diskussion eingeworfen werden, die Augen verdreht werden, weil wieder ein Pudding geopfert wird und eben dieser Pudding mit bösartigsten Sprüchen wie “naja, wenn du meinst, du könntest dir das noch leisten” für sich gewonnen werden soll, ist die Zeit für ein vollkommen übertrieben groß angelegtes Sportprogramm, diverse Diätversuche und regelmäßige Aufsuche der im Badezimmer angesiedelten Waage gekommen.
Da wird sich hochmotiviert neues Equipment gekauft, bei Kursen angemeldet, schon mal vorsichtshalber der Startplatz beim Marathon gesichert (“Das ist für die Motivation!”) und Sportarten an die Oberfläche gezogen, die man eigentlich nur aus dem Sportfernsehen kennt. Gilt in unserem Fall teilweise für beides, aber wenn Monsieur plötzlich anuft und mitteilt, in der benachbarten Kampfkunstschule könne man HEUTE! DIREKT! in den KARATE-ANFÄNGERKURS! einsteigen, wird man schon etwas misstrauisch. Natürlich könnte sein Ehrgeiz durch meine diversen VHS-Kurse, zu denen ich mich neuerdings morgens vor der Arbeit prügle, geweckt worden sein. Die Tatsache allerdings, dass bis auf das eine Probetraining in der Karateschule bisher außer großen Worten noch nichts passiert ist, zeigt mir, dass der Geist da doch ein wenig stärker war, als der Körper. Das wäre ja eigentlich auch nicht das, was er eigentlich wolle, er wolle lieber wieder laufen gehen, schließlich wohne er ja jetzt quasi wieder neben seiner alten Laufstrecke und das Karate-Training helfe bei den Marathon-Vorbereitungen ja auch nicht. Gut, seine spontane Abneigung, die genauso schnell kam, wie die sponate Begeisterung eine Woche vorher, könnte auch damit zu tun haben, dass er schon beim megaheftigen Hardcore-Aufwärmtraining fast kollabiert ist und noch an diesem Abend seine Ernährung umstellen, mit dem Rauchen aufhören und zusätzlich noch jeden Tag mindestens 5 Stunden Ausdauertraining jedweder Couleur machen wollte.
Fairerweise muss ich dazu sagen, dass es mir bei meinem ersten Bodypower-Kurs ähnlich ging und ich 36 Stunden nach meiner ersten Stunde auf einem Pferd nach 8 Jahren “Pause”, trotz eines ausgedehnten Rheumabades nicht in der Lage war, mich ohne jammern und stöhnen zu bewegen. Aber immerhin hab ich schon drei Sportarten hinter mich gebracht, die vierte und fünfte kommen in den nächsten 7 Tagen dazu und die sechste in ca. 2-3 Wochen. Außerdem will ich jetzt ein Pony.
Mir persönlich liegt ja das doch eher schwofige “Krrrrrreuzberger Nächte sind lang – trallallallalaaa….” in den Ohren, wenn ich mich abends bettfertig mache und mich mental darauf einnorde, mal wieder eine Nacht schlafzimmerliches Beziehungsdrama vor mir zu haben. Während bereits einige Männer der deutschen Comedy-Szene ausführlich darüber aufklären, dass das nächtliche Zubettgeh- und Schlafverhalten geschlechtsreifer Paare durchaus auch seine Schattenseiten haben mag, erlebt meine Wenigkeit eben jenes in aller Härte, in aller Abgeklärtheit und voller Brutalität am eigenen Leibe.
Phase I: Das Zubettgehen
Der freie Feld- und Wiesenmann stellt es sich eigentlich recht simpel vor: eben noch ins Bad huschen, flink das Schlafshirt übergeworfen, die Socken gekonnt im 180-Grad-Bogen von der Matraze aus im Lampenschirm drapiert, das Kissen zurechtgeknüllt und – Augen zu. Denkt er. Währenddessen scheint nämlich der weibliche Gegenpart genau diese Phase des Tages doch eher dazu zu nutzen, sämtliche Synapsen noch einmal auf genetisch einprogrammierte Hochtouren zu bringen: urplötzlich verlangt es nämlich genau JETZT nach genau jenem der 23 hauseigenen Labellos, der höchstwahrscheinlich und dummerweise noch im Auto liegt, das Glas Wasser auf dem Nachttisch muss UNBEDINGT das mit dem Kirscharoma aus der Abstellkammer nebenan sein, das Ladekabel vom Telefon hat man aus Versehen noch im Wohnzimmer liegen und die Handcrème aus dem Bad bräuchte man nur eben schnell auch noch mal. Ich liege da, totmüde, der Körper einem Wachkoma gleich, während es um mich herum hektisch wird. Licht aus, Licht an. Tapptapptapp. Licht aus, Licht an. Tapptapptapp. Licht aus, Licht an. Tapptapptapp, Tapptapptapp. Dann endlich die Bettdecke, Madame wickelt sich (!) in ihre 2,40 m (!) breite Bettdecke ein, umzingelt von 4 (!) Kopfkissen (“Die brauch’ ich alle zum schlafen!“) und benötigt nur noch 62 verschiedene Probeschlafstellungen, bis endlich Ruhe einkehrt. Ich seufze.
Phase II: Das Einschlafen
Sie: “Schaaaaaaatz“?
Ich: “Hm?”
Sie: “Ich kann nicht schlafen.”
Ich: “Hm.”
Sie: “Ich habe so viele Gedanken im Kopf”
Ich: “Ach?”
Sie: “Ja.”
Pause.
Sie: “Schatz?”
Ich: “Hmmm?”
Sie: “Bringst Du mir was mit?”
Ich: “Ich… ich bin doch gar nicht weg???”
Sie: “Ich meine aus der Küche.”
Ich: “Aber ich LIEGE doch hier?”
Sie: “Ich will einen Löffel Honig.”
Ich: “JETZT?”
Sie: “Hmm. Ja. Das beruhigt mich.”
Phase III: Das Durchschlafen
Unser Bett bietet uns eine Liegefläche in einer Breite von EINMETERACHTZIG. von diesen EINMETERACHTZIG stehen uns zum Zeitpunkt des Einschlafens jedem tatsächlich genau die Hälfte zu – fair wie wir ja als gleichberechtigtes Paar sind. Leider kann ich nicht genau einschätzen ab wann und zu welcher Schlafphase sich dieses Verhältnis zugunsten des Weibchens verschiebt, aber ab so ungefähr 02:00 Uhr nachts werde ich zum ersten Mal wach, weil ich auf einer Breite von – sind wir mal großzügig – 23 ZENTIMETERN am Bettrand liege und mich mit einer Hand auf dem Fußboden abstütze, um nicht komplett aufs schicke Laminat zu knallen. Frau hingegen liegt quer über das Bett verteilt da und schlummert – wahrscheinlich mit vielen kleinen Gedanken im Kopf – lustig vor sich hin.
Phase IV: Das Aufwachen
Frauen haben – rein biologisch betrachtet – eine Blase von der Größe einer Erdnuss. Zumindest gefühlt. Es ist ungefähr 04:12 Uhr, als ich das erste Mal davon geweckt werde, dass *tapptapptapp, klick, pssssssssssss, shwoooooosh*! die LETZTE Phase der Nachtruhe ohne weitere Komplikationen sein Ende nimmt. Von jetzt an heißt es: alle 45 Minuten ein Besuch bei Villeroy & Boch, und zwar durchgehend bis 08:15. Nur zur Klarstellung: das sind SECHS Mal. In genau dieser Zeit, also etwa 4 Stunden, hat die Frau – statt zu schlafen – die Einkäufe für die nächsten 4 Samstage durchgeplant, 2 Urlaube im Kopf komplett durchgebucht, die ToDo-Listen der nächsten 3 Meetings im Büro durchsortiert und 67 Kleiderkombinationen für den aktuell anstehenden Tag durchgeprüft – nicht zu vergessen die verschiedenen Möglichkeiten, diese durch passendes Schuhwerk zu ergänzen, während das Männchen in den gleichen 4 Stunden die Brüste von Angelina Jolie mit einem Kugelschreiber signiert.
Phase V: Die Nach-Schlaf-Phase
Sie: “Hast Du schlechte Laune?”
Ich: “Hmmm.”
Sie: “Warum sprichst Du denn so wenig?”
Ich: “Kaffee.”
Sie: “Boah, ich hab wieder sooooooo schlecht geschlafen, ich versteh’ das gar nicht.”
Ich: “Ach.”
Sie: “Ja. Ich muss mal mit meinem Arzt drüber sprechen, das geht so nicht weiter.”
Ich: “Hm.”
Sie: “Boah, Du bist morgens UN-AUS-STEH-LICH. Ich fahr jetzt zur Arbeit.”
Und ich fahr jetzt mal zur Apotheke, Hallo-Wach-Tabletten kaufen.
Der allabendliche Zubettgang sieht in der Regel so aus: Man zieht sich um, wahlweise werde ich vom Liebsten ins Bett getragen oder zumindest dorthin begleitet, indem er meine Hand in seiner einen Hand hält und mich mit der anderen Hand sanft vor sich herschiebt, er schlägt mir die Decke zurück, legt meine Kissen so zurecht, dass ich mich einfach hineinsinken lassen kann, gibt mir noch einen Kuss auf die Stirn, wünscht mir süße Träume und ich falle in den wohlverdienten Tiefschlaf. Fast.
Tatsächlich muss Monsieur ziemlich regelmäßig von mir von der Couch geprügelt werden, nachdem ich vorher im 10-Minuten-Takt mehr als unglaubwürdig versichert bekomme, er sei noch nicht eingeschlafen, er würde nachdenken, nur kurz die Augen zu machen, nein, noch nicht rüber, man dürfe ja wohl mal 2 Minuten dösen. Die ersten zwei, drei Male finde ich es noch lustig, ihn mit der “Schläfst du schon?!”-Frage aus dem Delirium zu reißen, irgendwann wird es aber auch langweilig und anstrengend, da mein Körper beim ständigen Anblick dieser kurzzeitigen und harmlosen Leblosigkeit ebenfalls das Recht auf eine Pause einfordert.
Interessanterweise kann ich bis zum Zeitpunkt des Umzugs ins Schlafzimmer unser 5.1-Heimkinosystem mit “Saving Private Ryan” beglücken und den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufdrehen, eine 60-minütige Telko mit meiner besten Freundin, die ich zu dem Zeitpunkt schon mindestens 6 Monate nicht mehr gesehen habe, führen, der Hund kann imaginäre Einbrecher anbellen, die Nachbarn klingeln, weil sie ein Paket für uns abgeben wollen: er hört nichts. Vielleicht tut er auch nur so, man weiß es nicht. Aber abgesehen von “Sollen wir nicht rüber gehen?” reagiert er auf nichts. Vielleicht noch auf das Rascheln einer Toffifee-Verpackung, aber ansonsten auf nichts.
Einmal im Schlafgemach angekommen, werden die übrig gebliebenen Klamotten, die auf dem Weg dorthin nicht schon einfach dort, wo sie sich zum Zeitpunkt des Ablegens befanden, auf den Boden geknallt, die Jeans immer zuerst mit der Gürtelschnalle auf das Laminat. Immer. Von dort aus fällt Monsieur nur noch der Länge nach ins Bett, dreht sich ohne ein Wort weg und fängt sofort an zu schnarchen. Ein Schelm, wer da vermutet, dass sofort die REM-Phase einsetzt, denn wenn mir dann einfällt, dass ich noch etwas brauche, was sich aber nicht in greifbarer Nähe befindet, sprich mich dazu zwingt, aufzustehen, wird das selbstverständlich mit einem lauten, vorwurfsvollen Ausatmen quittiert. Zugegebenermaßen denke ich zu einer Uhrzeit, kurz bevor die Nacht am kältesten ist, nicht immer an alles, es kann also durchaus schon mal sein, dass ich das Ganze noch einmal wiederhole und dann versuche, mich abzulegen. Zu diesem Zeitpunkt hat Monsieur aber schon einen Arm auf mein Kissen geworfen und um ihn nicht zu wecken, versuche ich mich irgendwie drumherum zu drapieren, was auch schon mal etwas länger dauern kann. Unnötig zu erwähnen, dass nach spätestens 20 Sekunden Bettdecken- und Kissenanordnung der Gatte aus dem Schlaf schreckt, mich mit großen Augen anschreit und genervt “BOAH BABY, WIE LANGE DAUERT DAS DENN NOCH?!?” schnauft.
Irgendwann, wenn wir noch kurz darüber diskutiert haben, ob ich, die noch nicht einschlafen kann, den Fernseher anmachen, eine Einschlaf-App starten oder lesen darf, kann oder soll, ist Ruhe. Nicht ohne mich mit schlechtem Gewissen zurück zu lassen, weil der Herr ja eh immer so schlecht einschläft, weil ich so einen Stress mache, egal ob direkt (Wasserflasche holen) oder indirekt (externe Einschlafhilfen). Klar. Ich bin zu diesem Zeitpunkt zwar die, die mit tellergroß aufgerissenen Augen an die Decke starrt und versucht, nach Möglichkeit mit extremst flacher (will sagen kaum vorhandener) Atmung und minimalsten Bewegungen einzuschlafen, aber gut. Er hat Einschlafprobleme. MEIN Vonzehnbisfünfzehnuhr-Tiefschlaf ist nicht mehr existent, ich schlafe oft schlecht ein und fast nie durch. Die Gründe fürs Wachwerden zu der Uhrzeit, in der die Nacht am kältesten und dunkelsten ist, sind mannigfaltig, ein nicht seltener Grund ist jedoch die Schnarcherei des Herren an meiner rechten Seite. Oder der Kampf um die gemeinsame Riesen-Bettdecke, die ich mittlerweile für mich alleine beanspruche, er hat nun eine eigene. Bettdecke ist geregelt, Schnarchen wird einfach weggelogen, dafür wird wieder besonders vorwurfvoll geatmet, wenn ich wieder ins Bett komme. WENN ich wieder ins Bett komme, ich hab mir in der letzten Zeit angewöhnt, beim ersten Wachwerden mit Sack und Pack ins Wohnzimmer zu ziehen, damit mein verzweifelter Lidschlag beim Versuch, wieder einzuschlafen, Monsieur nicht um seinen Schlaf bringt.
Am Morgen muss ich dann zusehen, wie ich klar komme, wenn ich nach dieser besonders schönen Form der Erholung topfit im Büro Gewehr bei Fuß stehen muss. Nachdem ich mir sagen lassen darf, dass ich als Bettgefährtin ziemlich anstrengend bin. Aber für den Liebsten kein Problem, ich fahre dann nämlich ins Büro und er kann sich nochmal ein Stündchen hinlegen.
Es hat sicherlich einen Grund, weswegen um die Weihnachtszeit herum die meisten Selbstmorde passieren, Ehen geschieden werden und Familienmitglieder beschließen, nie wieder miteinander zu sprechen. Für die einen ist Weihnachten der Inbegriff der wohligen Stimmung, für die anderen ist es einfach nur nervig.
Ein grundsätzliches Frauen-”Problem” ist das mit der Deko. Das können wir im übrigen Jahr schon besser als Männer, Weihnachten laufen wir aber zu Höchstform auf. Auch wenn in unserem Haushalt aus glaubenstechnischen Gründen eigentlich gar kein Weihnachten stattfinden muss, gehöre auch ich zu den Menschen, die um den 1. Advent herum gerne zumindest ein bisschen kitschige Stimmung in die Wohnung dekorieren. Das Männchen möchte gerne Plätzchen bekommen – kriegt es. Aber dafür muss der Rest ja auch stimmen.
Danach zu fragen kann jedoch in unserem Fall schon mal mit einer akuten Panikattacke des Liebsten quittiert werden, nach der Ansage: “Lass uns doch gleich mal gucken, ob wir uns ein komplett neues Set kaufen” brauchte er erstmal 90 Minuten Zigaretten-, Kaffee-, und Mafiawars-Pause, um das gerade gehörte zu verarbeiten und sich mental darauf vorzubereiten. Auf die Fahrt in die böse, böse Innenstadt. IKEA habe ich uns beiden erspart, nachdem er fast weinend auf dem Boden sitzend und an meinem linken Bein hängend versucht hat, mich davon zu überzeugen, dass bei IKEA am Samstag vor dem 1. Advent nur Grinches rumlaufen, die uns sowieso alles vermiesen wollen.
Interessanterweise vollzieht mein Exemplar dann im ersten Laden aber eine ganz merkwürdige Wandlung. Plötzlich werden Kugeln in die Hand genommen, Eiszapfen für cool befunden, ein weißer Tannenbaum bestaunt. Zumindest eine Zeit lang, anschließend kann der erste ernstzunehmende Versuch, meiner vorweihnachtlichen Gelüste Herr zu werden, durchaus in einem viertel vor hysterischen Streit ausarten, weil a) zu viele Menschen gleichzeitig den gleichen Gedanken haben, b) “das ganze Zeug überhaupt nicht in unsere Wohnung passt”, c) “hier nichts unserem geplanten Farbkonzept entspricht”, d) unser Hund gemeinschaftlich mit einem anderen einen volldekorierten Plastiktannenbaum umreißt.
Im nächsten Laden angekommen dreht mein Gatte plötzlich zu Hochform auf: nach dem ersten “Guck mal, da….” ist er verschwunden. Da kann man als Frau schon mal ein bisschen Angst kriegen, weiß man doch, dass zu viel Glitzerzeug, buntes Lametta und nach Lebkuchen riechende Teelichter in zu hoher Konzentration dafür sorgen können, dass irgendwann die Durchsage kommt, ich möge bitte meinen weinenden Mann an der Information abholen. Und plötzlich steht er da, bis zum Hals mit bunten Glaskugeln und Lametta dekoriert, sich wie ein 6jähriger über die Ausbeute freuend:
“Guck mal, wie findest du denn diese Farbkombi?!”
“Ja, schön – aber wir haben keinen Tannenbaum..”
“Oh, stimmt ja..”
“Aber wir könnten dieses Jahr ja endlich mal einen kaufen, ich hatte ja noch nie einen..”
“Wir sind doch nicht da!”
“Doch, vorher den ganzen Monat schon.”
“Ok.”
Das neue Farbkonzept stand also und plötzlich lief er mit dem Einkaufswagen weg und fing an, alles reinzuwerfen, was auch nur ansatzweise diesem Konzept entsprach. Gut, hier und da muss man dann auch hart durchgreifen, ich fand diese Lichter-Holz-Brücken schon als Kind mehr als hässlich. Am Ende war es natürlich die weibliche Hand, die überflüssiges Zeug aussortiert hat und ziemlich gestresst schnell in Richtung Kasse drängelte, weil wir ansonsten ab sofort in einem Lebkuchenhaus wohnen würden.
Zuhause angekommen musste Monsieur sich erstmal wieder bei einer 90minütigen Zigaretten-, Kaffe- und Mafiawarspause von den Strapazen erholen, die ICH IHM angetan habe. 90 Minuten, in denen ich dann bei Weihnachtsmusik nicht nur alleine Plätzchen backen, sondern auch die Wohnung dekorieren durfte. Natürlich nicht ohne Anweisungen, welches Element in welcher Ecke unserer Wohnung besser aussehen würde. Und ohne vorherige Klarstellung:
“Das ist doch Mädchenkram, ich muss hier was machen – du kannst das ja auch viel besser.”
Ja. Und heute gehts mädchenmäßig zu IKEA, den Rest kaufen.
Sie so: “Schatz?”
Ich: “Hm?”
Sie: “Ist Sonntag nicht der 1. Advent?”
Ich: “Hmmm.”
Sie: “Heißt das, wir können das ganze Wochenende DEKORIEREN???!!!!”
Autsch. An dieser Stelle spüre ich zunächst ein leichtes Ziehen und Kribbeln im Nacken, während sich in der Ummantelung eines kühlen Nebels ein grausiges, fast heiseres Kichern in meine Ohren drängt – mit gierigen Augen voller bunter Kugeln und einem glitzernden und blinkenden Schlund starrt er mich hypnotisierend an: der Geist der Weihnacht des Jahres 2009. Ich reibe mir kurz die Augen und rülpse laut verneinend, als sich die schemenhafte Gestalt wieder in mein Liebchen zurückverwandelt und mich 2 aufgerissene, strahlende Kinderaugen anblinzeln…
Sie: “Kaufen wir uns dieses Jahr auch einen Weihnachstbaaaaaaaum? Bittebittebittebitte???”
Ich: “Schatz – wir sind aber doch Weihnachten gar nicht hier?”
Sie: “Aber VORHER doch immer! Und das ist hübsch! Das ist soooo hübsch!”
Ich: “Wir haben doch nicht mal Kinder, die sowas toll finden?”
Sie: “Aber MICH! Ich finde das hübsch! Das ist soooo hübsch!”
Ich: “Schatz?”
Sie: “Hm?”
Ich: “Drehst Du durch?”
Sie: “Hmm… wenn ich keinen Baum bekomme – vielleicht…”
Ok. Das ist eindeutig. Aufgabe des Samstagvormittages: gefühlte 8 Stunden lang durch verschiedene Supermärkte hetzen und die wunderbarsten Glitzer-Blitzer-Kugel-Aufhänger-Figürchen-Dings in sämtlichen Farben, Formen und Zusammenstellungen aussuchen, zwölf verschiedene Silbertöne für’s Lametta über die Arme hängen (“Stell Dich mal mehr hin wie ein Baum!!“) und zwischendurch an diversen, sicherlich giftigen Kerzenstumpen mit tollen Weihnachstdüften schnüffeln, damit das Hexenzuckerhaus auch wirklich weihnachtlich duftet. Vorgabe des Tages: dringend neue und todschicke Deko ersteigern, die uns die nächsten Jahre durch stilvolle Weihnachtstage begleiten soll. Die Klaue des Geists der Weihnacht schiebt sich kalt und langsam um meinen Hals…
Zuhause angekommen stellt der Weihnachtszwerg an meiner Seite zunächst einmal fest, dass wir ja – oha! – erst letztes Jahr schon so ziemlich alles neu erworben hatten, weil – oha! #2 – wir da ja AUCH Weihnachten hatten! Ich für meinen Teil sehe mich da ja jetzt nicht sooo verantwortlich, denn schon damals habe ich selbstverständlich sämtliche Verantwortung in Fragen der dekorativen Heimgestaltung an Knecht Ruprecht mit den Knopfaugen abgegeben, so dass ich mir dafür jetzt natürlich nicht den Hut – pardon, die Zipfelmütze aufsetze.
Nichtdestotrotz steht der Plan: die heimische Keksbäckerei (und nebenbei der ganze Ort) wird lautstark mit Bing Crosby’s “Let It Snow” beschallt, der Vierbeiner bekommt kurzerhand ein Rentier-Geweih über das Köpfchen gestülpt und zu einem leckerem Weihnachtsfläschchen Baileys stürzt sich die Dame des Hauses auf so ziemlich alles, was in irgendeiner Form mit irgendwas behangen, begrünt, beschmückt oder dekoriert werden kann. Father Christmas (also ich jetzt) fläze meinen Allerwertesten genüsslich auf die Couch und gebe gezielt, fast professionell, Anweisungen und hilfreiche Tipps aus, die der Liebsten ihre Arbeit durchaus erleichtern – irgendwer muss ja auch das übernehmen.
Fazit des Tages: 2 Bleche Vanille-Kipferln gebacken und umgehend verspeist, 12 neue Kerzenlichter in der Wohnung drappiert, einen einwöchigen Ohrwurm festgezurrt (Danke, Herr Crosby!), 437 kleine Weihnachtsmann-Figuren in den vier Wänden verteilt und eine glückliche Frau.
Nur noch kein Baum – den kaufen wir heute.
Wir Männer LIEBEN den “Aaaaaaaaaaaawww-Effekt”. Völlig egal ob die Frau vielleicht eigentlich grad als Nervenbündel ihre monatlichen Depressionen erlebt oder vor lauter Energie das heimatliche Kommando bis auf das Äußerste überspannt – zeig ihr ein Tierfoto mit einem frisch geschlüpften Elefanten-Baby oder einem putzig dreinschauenden Hundewelpen und ein langezogenes “süüüüüüüüüüüüüüüüß!!!”, untermalt von großen, gerührten Kulleraugen verwandelt sie innerhalb kürzester Zeit in eine emotional demütige und durchaus doch sehr sensible 5-Jährige. Immer.
Diese mütterliche Fürsorge in den kleinen Herzen unserer Frauen ist es dann auch, die die taffe Karriere-Frau oder Mode-orientierte Style-Lady allwöchentlich dazu bringt, sich auf dem heimischen Sofa einzumummeln und bei Lebkuchen und Tee den großväterlichen Veterinär dabei zu bestaunen, wie er Hängebauchschweinchen “Bifi”, dem fetten Hamster “Schröder” oder der alternden Hundedame “Frau Holle” die Zipperlein des Alltages erträglicher macht. Hier ein Flügel geschient, dort ein Tumor entfernt und am Ende in den wärmenden Armen der alleinstehenden Mitbürgerinnen geparkt, glücklich, gesund, geheilt. Ein dicker Seufzer durchdringt unser Wohnzimmer, die Welt ist gut und schön.
Nun – nicht immer gehen solche tierärztlichen Rettungsversuche gut aus. Ab und zu (eher sogar regelmäßig) kommt es dann also vor, dass das grippekranke Fuchsbaby oder die urururalte Dackeldame den Sprung zurück ins agile Leben nicht mehr so ganz schaffen wollen und eine erschüttert dreinblickende Jungveterinärin die erwarteten Worte überbringt: “Es wäre besser, wir würden ihr Leiden nun beenden.”
An dieser Stelle kannst Du als Mann einfach langsam mit dem zählen beginnen: …3…2…1… und Tränen los! Plötzlich sitzt neben Dir ein völlig zusammengekauertes Häufchen Elend, die Tränen schießen wie Sturzbäche über das errötete Gesicht, das Schluchzen wird nur vom ständigen Näschenputzen unterbrochen und die verlaufene Schminke geschickt hier und da am männlichen T-Shirt verteilt – schließlich musst DU jetzt trösten und Dir Argumente ausdenken, warum ausgerechnet Euer Hund der einzige auf der Welt ist, der garantiert EWIG leben wird und nie nie niemals unter die Erde kommt.
Jetzt ist es ja nicht so, als wüsste das Weibchen nicht, dass in diesen Sendungen regelmäßig auch schwerverunfallte oder böskranke kleine Tierchen auf nicht unbedingt soooo angenehme Weise aus dem Leben scheiden. Das tun sie nämlich IMMER in diesen Sendungen. Weiterhin ist es auch nicht grad so, dass Du nicht jedes Mal darauf hinweist, wenn Du Madame dabei erwischt, wie sie wieder einschaltet und schon mal die Taschentücher geschickt versteckt neben sich zu drapieren versucht. All das hilft aber nichts – wie ein kleiner verwirrter Lemming auf den tiefen Abgrund rennt die Tierliebe des Weibchens direkt auf die tränenreichen Abgründe des Herzschmerzes zu, schließlich bist DU ja da um alles wieder auszubaden.
Samstags eröffne ich ab jetzt übrigens ein Sorgentelefon für nervlich debile TV-Tierliebhaberinnen, 1 Minute für 2,99 EUR. Mann muss ja das Beste draus machen.





