Kosmetik
Männer sind ja von Haus aus immer sehr kritisch gegenüber der exzessiven Kosmetik-Probierwut ihrer Frauen. Das kann sich auf höchst unterschiedliche Art und Weise äußern; die einen meckern, die anderen belehren, wieder andere ignorieren. Meiner belehrt in erster Linie und verdreht die Augen. Das würde ja alles nichts bringen, er hätte ja ne Bekannte, die bei Penaten arbeite, die ihm versichert habe, dass das alles totaler Humbug sei, ob man sich nun Creme für 80 oder für 3 € ins Gesicht schmieren würde, undsoweiterundsofort. Ja natürlich, denke ich mir dann immer, wohlwissend, dass ich gar keine Creme für 80 € im Schrank stehen habe und nach Lust, Laune und Hautbild trotzdem weiter wechseln und ausprobieren werde.
Soll er doch weiter Wasser, Seife und gar nichts benutzen und sich weiterhin fragen, wieso er im Winter so ein unangenehmes Gefühl im Gesicht hat, welches aber ganz sicher nichts mit der Kälte oder der Heizungsluft zu tun hat – eine Wintergrippe ist im Anmarsch, jawohl. Ich kaufe mir meine Sachen einfach immer dann, wenn er gerade nicht da ist und wenn wir doch zufällig zusammen in der Stadt sind, parke ich ihn einfach vor dem Einzelhandel meiner Wahl, drücke ihm den Hund in die eine, ein Eis in die andere Hand und versuche, die hilfreichen, besonders clevere Oberlehrer-Ratschläge nach dem Kauf einfach an mir abprallen zu lassen.
Seit einiger Zeit passieren jedoch merkwürdige Sachen. Kürzlich ist mir zum Beispiel etwas aufgefallen, ich konnte allerdings nicht sagen, was genau. Etwas war anders im Badezimmer. Ich hab es wahrgenommen, aber nur aus dem Augenwinkel. Kurzzeitig war ich versucht, zu glauben, er hätte irgendwas von mir weggetan, es versteckt oder weggeschmissen, nur um mal zu testen, ob es mir überhaupt auffällt. Da meine Serie aber komplett und ohne nennenswerte Veränderungen genau da stand, wo sie immer steht, habe ich es für eine Halluzination gehalten und bin nicht weiter drauf eingegangen. An einem Morgen bin ich schlaftrunken ins Bad, in dem ich Monsieur wider Erwarten vorfand und mir war, als hätte er sich erschrocken, als ich rein kam. Ich hätte schwören können, er hatte meine Augencreme in der Hand, es sah aber irgendwie auch so aus, als ob er einfach nur aufräumen würde und meine Müdigkeit nahm mir dann etwas von meiner Sicherheit.
Als ich meinen Gatten dann beim letzten Drogeriemarktbesuch vom netterweise mittig im Laden aufgestellten Männerparkplatz (Stuhl neben Wasserautomat) abholen wollte, war erstaunlicherweise zumindest nicht MEIN Mann an Ort und Stelle aufzufinden. Leicht genervt bin ich also in Richtung Rasierklingen, wo ich ihn dann doch am ehesten vermutet hätte – doch auch dort keine Spur von ihm. Panik. Kurzzeitig überlegte ich, meinen Kleinen aurufen zu lassen, als ich seine Mütze auf der anderen Seite hinter einem Regal aufblitzen sah. Ha! Beim Haarzeugs also! Wer nun denkt, ich hätte richtig gelegen, liegt wiederrum falsch. Eine Art optische Täuschung war schuld daran, dass er von weit weg doch größer wirkte, als er tatsächlich ist und je näher ich seinem Kopf kam, desto kleiner wurde er. Er stand also ein Regal weiter. Dort, wo Hautpflegeprodukte standen, für Männer natürlich. Mit einer Anti-Falten-Creme in der einen und einem Augengel in der anderen Hand. Für Männer, natürlich.
Ich: “Schatz, was hast du da?”
Er: “Wie jetzt, wo?”
Ich: “Da, in deiner Hand.”
Er: “Ach soo, DAS! Wollte mir den Mist nur mal anschauen, son Zeugs.”
Ich: “Okay. Ich hab alles, sollen wir gehen?”
Er: “Hmm.. Ja. Guck mal, das soll Falten glätten, lustig, oder?”
Ich: “Ja, irre lustig.”
Er: “Und das soll sogar die Haut einfärben, verrückt, sowas.”
Ich: “Ja, das ist verrückt. Selbstbräuner, wer darauf wohl gekommen ist.. Kommst du?”
Er: “Ja, aber guck mal hier – das sind zwei verschiedene Sachen in einer Flasche, warum ist das so?”
Ich: “Das sind zwei unterschiedliche Sachen mit unterschiedlichen Wirkstoffen, die man aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen nicht in eine Flasche tun soll.”
Er: “Aaahh, die eine erfrischt, die andere glättet.”
Ich: “Ist ja nicht wahr. Willst du haben?”
Er: “NeinNeinNein, sowas brauch ich nicht. Ich will in Würde altern.”
Ich: “Gut, und warum hast du das Augengel jetzt in den Korb geworfen?”
Er: “Ich dachte, du bräuchtest das!”
Ich: “Nein, ich brauche nur Scheuermilch, Augencreme hab ich noch. Und ich benutze prinzipiell nichts, wo “men” drauf steht.”
Er: “Achso.”
Ich: “Willst du es dann nicht lieber wieder rausnehmen?”
Er: “Willst du es nicht mal ausprobieren?”
Spätestens jetzt dürfte jeder hier mitlesenden Frau, der schon mal was ähnliches passiert ist, klar sein, was in diesem Moment in mir vorgegangen ist. Wenn man nicht weiß, ob man verwirrt, ängstlich oder belustigt sein soll, fängt man schon mal einfach so an, hysterisch zu lachen. Und spätestens hier ist klar, dass wir die Augencreme gekauft haben. Und das passende Waschgel (“Das erfrischt die Haut, cool, oder?”), die Feuchtigkeitspflege und die Anti Age-Pflege.
Meine Flaschen sind jetzt von einer bemerkenswert umfangreichen Hautpflegeserie for men in eine sehr enge Ecke gedrängt worden. Und vor kurzem habe ich mit ihm zusammen im Bad gestanden und gestaunt, als ich gesehen habe, dass er nicht Produkt A morgens und Produkt B abends benutzt, sondern sich einfach gnadenlos alles nacheinander ins Gesicht schmiert.
“Ich werde ja auch nicht jünger, irgendwas muss ich ja machen.”
Die winzige Bad-Veränderung, die ich nur am Rande mitbekomme habe, war übrigens, wie ich nach investigativer Recherche und mit Naher-Osten-Verhörmethoden herausgefunden habe, eine Pflegeprobe, die er aus einer meiner Zeitschriften herausgerissen und so unauffällig wie möglich hinter meiner elektrischen Zahnbürste versteckt hat. Noch Fragen?
Mädchen sind komisch. Sie behaupten ohne Unterlass steif und fest, dass es im Großen und Ganzen relativ überlebenswichtig sei, sich morgens, mittags und auch abends Crèmes in der Preisklasse einer Münchener Eigentumswohnung ins Gesicht zu schmieren, weil sie ganz genau nur deswegen so frisch, jung und dynamisch aussehen, wie sie es denn nunmal tun. Ohne diese Crème hätten sie LÄNGST Fältchen, ohne jene wäre die Haut viel zu unrein und ohne die Vierfach-Kombi mit Schmiergelpapier-Effekt würde man sie ja ohnehin überhaupt niemals wiedererkennen können. Gottseidank gibt es da draußen Forscher, die in ihrer jahrelangen Arbeit tatsächlich Mittelchen erfunden haben, Dank derer unsere weiblichen Pendants zwar Unsummen liquider Mittel in die Pharma-Industrie pumpen, die aber genau deshalb das Wunder ewiger Jugend und Unschuldigkeit erschaffen haben. Hallelujah.
Etwa 23 unterschiedliche Tuben, Fläschchen, Ampullen, Stiftchen und Döschen füllen also nun unsere Ablageflächen im Bad, Crèmes, Puder, Pasten, Pinsel und Quasten reihen sich ordentlich aufgereiht im hübschen Regal, füllen des Liebchens Handtaschen, erfüllen die Türfächer der Autos, besetzen Nacht-Tischchen und schlummern in Reiseköfferchen. So kenne ich es, so habe ich es akzeptiert. Zwar weine ich noch immer jedes Mal an der Kasse ob der putzigwinzigklitzekleinen Döschen für 83,00 EUR, aber wir wollen einfach nicht mehr drüber diskutieren, nicht mehr argumentieren, nicht mehr richtigstellen: für SIE liegt es natürlich NICHT am fehlenden Schlaf, an der Flasche Wodka vom Wochenende, am blauen Dunst oder an mangelnden Vitaminen – nein! Die böse Mutter Natur ist es, die die zarten Püppchengesichter der ewigen Schönheit schon in so jungen Jahren in harten Stein zu meißeln versucht…
Sie: “Schatz warte – hier ist Kiehl’s hier muss ich mal kurz rein…”
Ich: “Aber wieso denn das schon wieder?”
Sie: “Ich brauche eine neue Gesichtscrème.”
Ich: “Du hast doch schon total viele Gesichtscrèmes?!”
Sie: “Die sind aber nicht gut.”
Ich: “Wieso? Was machen die?”
Sie: “Die sind nicht gut.”
Ich: “Ja aber WIE-SO sind die nicht gut?”
Sie: “Mahaaann, die funktionieren nicht!”
Ich: “Wie, die funktionieren nicht? Wie sollen die denn funktionieren? Die sollen doch nur crèmen?”
Sie: “Schatz, magst Du nicht bitte draußen warten?”
Na super. Weil die Oma es vor knappen 30 Jahren nicht lassen konnte, den kleinen Schreihälsen den alten Schmink- und Frisurkopf vom Dachboden zum Spielen auszupacken müssen WIR also nun mit kleinen Shopping-Tütchen in irgendeiner Fußgängerzone doof in die Gegend gucken und kleine Pröbchen für den Mann einpacken, mit denen wir von so ziemlich keinem unserer besten Freunde irgendwo gesehen werden wollen.
Sie: “Schatz guck mal hier.”
Ich: “Wo? Was?”
Sie: “Hier, mein Gesicht!”
Ich: “Ja, das ist Dein Gesicht.”
Sie: “Siehst Du das denn nicht?”
Ich: “Was? Das ist Dein Gesicht!”
Sie: “Ja aber das sieht total unrein aus! TOTAL unrein!”
Ich: “Hmm. Also…ich… neee?”
Sie: “Doch. Tut es. Du siehst das nicht. Ich vertrage meine Crème nicht.”
Ich: “Du siehst nicht anders aus als sonst.”
Sie: “Du bist blind. Ich brauche wirklich eine andere Crème. Ich vertrage die nicht. Du verstehst es nicht.”
Amos Bronson Alcott (1799 – 1888) sagte einst: “Es ist besser, für etwas zu kämpfen, als gegen etwas.” Nun, im Grunde ist es mir eher relativ egal, wen oder was dieser Mensch damit denn nun meinte, weil ich dieses Zitat grad eben erst gegoogelt habe… aber als Mann hast Du nur eine Wahl: Segregation oder Assimilation, den ewigen, nie enden wollenden Kampf der Überzeugung gegen die Übermacht weiblicher Sturheit, oder die Anpassung, den Wandel, den Wechsel der Fronten: seit letzter Woche habe ich eine Tagescrème von Balea. Aber die gefällt mir nicht, ich habe das Gefühl sie spannt. Ich merke das. Nun habe ich eine zweite Crème, extra für Männer, mit doppeltem Effekt, da kommen eine blaue und eine weiße Crème gleichzeitig raus, wofür weiß ich nicht. Und ein Gel, für die Augenringe. Und ne Handcrème.
Als Frau steht man ja quasi ständig in der Pflicht, sich hübsch zu machen. Nein, nicht nur für das eigene Wohlgefühl, sondern ganz sicher auch, um dem Liebsten die Argumente für das Angaffen anderer Frauen zu nehmen. Und als ob es nicht reichen würde, dass man sogar abends zu zweit auf der Couch das Gefühl haben müsste, statt in bequemen “Haus-Klamotten” (dabei ist nicht die Rede von einem Ballonseide-Anzug) doch besser im Minirock vor dem Fernseher hin- und her zu staksen, nein – schön ist auch: “Deine Fingernägel sehen irgendwie aus wie die eines kleinen Jungen.”
Leider ist es manchen Frauen genetisch bedingt nicht möglich, sich die eigenen Krallen so gepflegt wie möglich auf eine ansehnliche Länge zu züchten, deswegen sind sie generell kurz. Auch mit Lack und egal in welcher Farbe: kurz. Sehr kurz. Da ich jedoch selber nicht besonders glücklich über diesen Umstand bin (Frauen mit dem gleichen Problem werden wissen, welches Problem gemeint ist) und ich zumindest zwei Millimeter über Fingerkuppe hinaus schon noch vertretbar finde, ist es durchaus verzeihlich, dass sogar ich mal ein Nagelstudio besuche. Am Ende einer solchen Session komme ich weder mit gepiercten, geairbrushten, viereckigen, deckweißbespitzten Megakrallen da raus, sondern mit einem verstärkten Fingernagel, der einen ganzen Millimeter länger ist, als wenn ich ihn direkt dort, wo er wächst, abschneiden würde und der über die Dauer bis zum nächsten Besuch maximal zwei weitere Millimeter länger wird. Sprich sie sind immernoch kurz.
Nun sieht es aber so aus, dass man einer solchen Prothese erstmal habhaft werden muss, ist man ja nicht gewohnt. Da können alltägliche Dinge zu einer Herausforderung werden – es war ja vorher egal, ob er wieder mal “abgebrochen” ist, war ja so dünn, dass man es kaum gemerkt hat. Die Eingewöhnungsphase dauert nicht allzu lang, aber es gibt handwerkliche Tätigkeiten, auf die frau dann einfach ganz gerne erstmal verzichtet, um nicht direkt eine Woche später wieder irgendwas nachbauen zu lassen. Sicherlich ist es für Monsieur ungewohnt, mir plötzlich bei ganz selbstverständlichen Dingen zu helfen, die ich vorher auch ohne ihn geschafft habe. Hat aber weniger damit zu tun, dass ich mich plötzlich nicht traue, eine Konservendose mit Ring am Deckel aufzuziehen bzw. diesen Ring hochzuklappen, sondern mehr mit der Tatsache, dass der Liebste aufstehen und in die Küche kommen muss. Im Kochprozess kurz anwesend sein und helfen, statt im Wohnzimmer zu warten, bis die Teller wie von frisch manikürter Geisterhand auf dem Tisch erscheinen.
Faktisch wird also nun auch alles andere, was vorher mit Jungsfingernägeln irgendwie nicht sexy genug oder schön unkompliziert war, zur Folter. Mal gedankenlos den Nacken des Liebsten kraulen kann ein Bild der Verwüstung in Form von roten Streifen hinterlassen, eine Mail tippen kann schon mal aussehen, als ob der Verfasser eine auf der Tastatur laufende Katze wäre und versehentlich mit dem Daumen im Vorbeigehen eine Wand zu streifen (gegen den “Strich”) erzeugt Schmerzen, die es locker mit der Klasse “barfuß mit dem kleinen Zeh vor das Tischbein knallen” aufnehmen können. Aber man gewöhnt sich dran. Man weiß ja auch, wofür man es tut. Unter anderem. Unschön ist nur, wenn man nach dem zweiten, tapferen Mal Maniküre nach Hause kommt und hören muss: “Das sieht ja genauso aus, als wenn du gar nichts drauf hättest. Wie ein Junge.”
Frauen haben ja von Mutter Natur aus einen kleinen Vorteil, was das “Körperliche” angeht: nicht nur, dass sie alltäglich damit beschäftigt sein können, sich lustige kleine Zöpfchen in wöchentlich andersartig gefärbte Haare zu flechten, sich stundenlang mit mehrphasigen teuren Crèmes einzureiben oder sich von teuren Kosmetikerinnen die zarten Gesichtchen massieren zu lassen – nein, der liebe Gott hat ihnen auch noch zehn Fingerchen und zehn kleine Zehen gegeben die sie sich – Achtung! – bunt anmalen können.
Gottseidank trennen sich hier relativ schnell die Geschmäcker, denn während sich die einen lustige kleine Delfine auf gepiercte und überlange Fingernägel glitzern lassen, reicht es bei anderen dann doch dafür aus, sich von einer völlig fremden Frau stundenlang mit einer Feile schleifen zu lassen und am Ende relativ stolz mit Fingernagel-Prothesen durch die Welt zu laufen, die den gesamten Alltag auf den Kopf stellen.
“Schaaaatz – kannst Du bitte mal die Dose aufmachen?” Klar.
“Babieeee – kannst Du mir mal die Zanpastatube öffnen?” Na sicher.
“Verdammt, 10 Rechtschreibfehler in einer SMS!” Na sowas.
Da guckst Du also quasi dabei zu, wie sich die Frau an Deiner Seite zu einem grobmotorischen Problemfall entwickelt und wunderst Dich dann gleichzeitig immer wieder darüber, warum sie denn dann trotzdem alle paar Wochen in dieses sogenannte “Studio” fahren, wo ihnen eine junge Dame in klinisch korrekter weißer Krankenschwesternbekleidung und mit der wichtigen Mine einer Oberärztin geradezu im Stil einer Not-OP aus ganz normalen und von der Natur geschaffenen Fingernägeln kleine Rembrandts formen. In eben genannten Abständen hüpft Dir die Liebste neben Dich in das Auto und hält Dir freudestrahlend ihre äußeren Extremitäten ins verdutzte Gesicht, nicht ohne Dich gleichzeitig darauf hinzuweisen, wie unfassbar glücklich sie denn nun ENDLICH in ihrem Leben wäre.
Für den Bruchteil einer Sekunde siehst Du kurz “Edward mit Scherenhänden” vor Deinem inneren Auge neben Dir sitzen, hältst aber irgendwie doch noch jedes Wort dazu zurück und hast natürlich auch überhaupt gar kein Problem mit der weiblichen Bitte, doch noch kurz reinzugehen und den Spaß zu bezahlen, denn schließlich hast Du grad noch gesehen, dass Du ja 15 Euro im Portemonnaie hast. AHAHAHAHA!!! FÜNFZEHN!! Ich stelle fest: wenn es eine Branche gibt, die unter Garantie nicht an der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise kränkeln wird, dann weiß zumindest ICH, welche das sein wird und bin fast schon versucht, “Er so’s kleine Nagelbutze” hier im Dorf zu eröffnen.
Übrigens, meine Damen: es gibt automatische Dosenöffner, Zahnpasta mit Drehverschluss und Handys mit Stift. Ihr wolltet es doch so!
…lass dein Haar herunter. Bis zur eigenen Hochzeit geht das allerdings nicht, da man ausreichend Material für eine Hochsteckfrisur züchten muss. NACH der Hochzeit geht es allerdings vielen Frauen gleich: Veränderung bitte, jetzt. Neues Leben, neue Frisur.
Der Weg zu dieser Frisur kann jedoch durchaus steinig sein. Man muss seinem Mann ja erstmal verkaufen, dass man gerade bereit ist, sich ohne mit der Wimper zu zucken von gut 3/4 seiner Wirbelsäulenmitte-langen Mähne trennen zu wollen, was in gut 99% aller Fälle mit einem “Dann lass ich mich von dir scheiden!” quittiert wird. Mit genügend zu Email gebrachten Selbstzweifeln, die man im Halbstundentakt verschickt und gezielt ausgewählten Fotos von unglaublich hübschen und erfolgreichen Hollywood-A-Liga-Promis im Anhang kann man diese Haltung jedoch recht schnell mürbe machen. Monsieur, der Verzweiflung nahe, durfte am Ende sogar mit zum Friseur, aufpassen, dass ich nicht “am Ende mit Glatze” da raus komme.
Der Besuch beim örtlichen Starfigaro, der sich speziell in meinem Fall bisher allerdings nur durch kunstvolle Hochsteckfrisuren beweisen konnte, endete leider Gottes in einem Desaster. In genau dem Moment, als er, nachdem er eine Stunde lang für 60 Euro im Rahmen seines “Treatments” gewaschen, geschnitten, gefönt, gestylt und gequasselt hat, vom Spiegel weg trat und ich den freien Blick auf mein entwürdigendes Spiegelbild bekam. Der Liebste war in diesem Moment auch noch draußen, mit einem Freund telefonieren und ließ mich mit meinem Elend also komplett allein. Da zählt auch nicht das vorangegangene, tapfere und wohlwollende Rübernicken, was ich jedoch von Minute zu Minute während des Prozesses dank des entgeisterten Blickes immer weniger ernst nehmen konnte.
Der Weg zum Auto und nach Hause war von betretener Stille und gelegentlichem “Neinnein, das sieht gut aus, siehst irgendwie.. jünger aus!” begleitet, ständig umhüllt von einer panischen Angst, dass meine Trauer ob meiner vollkommen sinnlos abgeschnittenen Haare früher oder später in apokalyptische Wut umschlagen könnte. Das ist dann spätestens nach dem erneuten Waschen und Stylen meinerseits auch passiert, ich sah anschließend NATURLICH noch viel katastrophaler aus als vorher. Hilflos und panisch wie er war, warf er mich tickende Zeitbombe ins Auto und fuhr mich ohne Rücksicht auf fußgängerische Verluste zu seinem Supermarktfriseur, der allerdings schon geschlossen hatte, was meine Laune nur bedingt verbesserte.
Den Rest des Abends verbrachte ich dann größtenteils im Bad, mit angewidertem Gesicht vor dem Spiegel stehend und bemüht, irgendeine Form in diesen Wischmop auf meinem Kopf zu bringen. Der andere Teil des Abends wurde abwechselnd mit verzweifeltem Seufzen und stoßweise ausgeschütteten Flüchen auf die gesamte Familie des Starfriseurs verbracht. In der Nacht konnte ich ungefähr so gut schlafen, als wenn ich mir die Filme Saw 1, 2 und 3 alleine in einer eiskalten Novembernacht mit kaputter Heizung und durchgebrannter Glühbirne angesehen hätte. In einer Hütte im Wald. Und irgendwie war mir, als ob sein gönnerhaftes Trösterdasein im Laufe dieser Nacht irgendwie in Richtung süffisantes Besserwisserdasein mit einer langsam, aber stetig größer werdenden Genervtheit einher ging, aber das könnte auch an der Taktfrequenz gelegen haben, mit der ich mich dauernd im Bett umgedreht und ihn damit von einem durchgehenden Schlaf abgehalten habe.
Um 6 Uhr morgens plärrte mich mein innerer Wecker wach, nachfedernd habe ich den Liebsten aus dem Bett applaudiert und wir warteten mehr oder weniger geduldig, bis wir endlich losfahren und meinen Kopf retten konnten. Das hat dann zu meiner großen Verwunderung die Frau mit der merkwürdigen pechschwarzen Vokuhila-Frisur und den extralangen, extradicken, extraviereckigen und extramitstrassbeklebten Fingernägeln geschafft. Für 11 Euro. Und das “Du siehst toll aus” vom Monsieur kam endlich mal so rüber, dass ich es glauben konnte.
Sie so: “Duuuu, Schaaaatz?”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich fühl mich so unwohl so.”
Ich: “Wie – unwohl? Im Bezug auf was?”
Sie so: “Auf mich. Ich will mal was anderes.”
Ich: “Wie – was anderes?”
Sie so: “Ach ich weiß auch nicht…”
Ich: “Du mußt doch wissen, was mit Dir los ist??”
Sie so: “Ja, ich fühl mich halt unwohl. Ich glaube, ich will eine neue Frisur!“
OHA – denkste Dir da als Mann: Neben den dramatischen Wünschen einer Frau, sich doch einfach mal außer der Reihe runderneuern zu lassen steht eigentlich nur noch die Renovierung des Eigenheims inklusive mehrtägigem IKEA-Besuch ganz oben auf der Liste der größten Gefahrensituationen im Beziehungsalltag. Kaum etwas wäre schwieriger rückgängig zu machen als ein grober Fehler von Edward mit den Scherenhänden und nirgends können Tränen in ähnlichem Ausmaß fließen, wie bei einem Friseur-Supergau mit unbekanntem Ausmaß…
Ich: “Eine neue Frisur? Bisschen Spitzen schneiden und Pony ordentlich?”
Sie so: “Nein. ICH WILL SIE GANZ ABSCHNEIDEN.”
Ich gehe davon aus, dass selbst der Fliegeralarm über Berlin Ende 1944 nicht annährend so laut war, wie die Alarmanlage in meinem Kopf, welche mich dringend und ohne Umschweife dazu auffordert, weit wegzulaufen und mich irgendwo in den Alpen in einer kleinen Berghöhle zusammenzukauern und dort zu verharren. Man(n) muss sich das ja jetzt grob so vorstellen: Das Weibchen geht zum Friseur, lässt sich etwa 35 bis 40 cm ihrer Haarpracht abschneiden, bricht noch vor Ort im Friseursessel zunächst in Tränen aus, dann in sich zusammen, kriecht schreiend und kreischend über den Salon-Fußboden um mit zitternden Händen abgeschnittenes Haargut zusammenzuraufen und sich verzweifelnd und heulend mit irgendwelchen Utensilien am Kopf festzustecken, bis es (das Weibchen) realisiert, dass alles verloren ist und – freundlich gesagt – eine Marktkauftüte mit 2 Löchern auf dem Kopf für die nächsten 12 Monate das neue Styling ersetzen muss. Oder wird.
Das ist jedenfalls ungefähr das, was Dir als Mann in genau diesem Moment sehr sehr viel Angst macht.
Fakt ist: es gibt keinen Ausweg – das Weibchen hat längst entschieden und Du hast gar keine andere Wahl. Dein Job ist es nun, unter 273 verschiedenen Frisuren, die man Dir innerhalb von einer halben Minute bereits vorlegt, rauszufinden, welche der Liebsten denn wohl am ehesten stehen mag, obwohl Du genau weißt, dass es am Ende sowieso nur drauf ankommt, was die besten Freundinnen dazu sagen werden. Punkt. Als nächstes darfst Du großzügigerweise wenigstens dabei sein, wenn der teuerste Friseur am Platze dazu ansetzt, Deiner Frau etwa 25cm ihrer wunderschönen, langen Haare vom Köpfchen zu schneiden und zeigst regelmäßig “Daumen hoch!!” in Richtung des Spiegels, aus dem Dich zwei große, runde Kulleraugen nach Bestätigung flehend angaffen. Dieses “Daumen hoch!!” wird allerdings nur in Deinem Kopf von einem fast unhörbaren “Ach Du Scheiße…” begleitet, weil Du relativ genau weißt, wie sich der Rest des Tages gestalten wird: dramatisch.
Eine grobe halbe Stunde nach dem Besuch beim Promi-Friseur sitzt Ihr schweigend nebeneinander im Auto, Du trittst das Gaspedal bis zum Anschlag durch und nimmst auch auf 78jährige Gehbehinderte am Zebrastreifen keine Rücksicht, weil jetzt DEIN Friseur dazu auserkoren wurde das zu retten, was sich irgendwie noch retten lässt und gleich die banale Aufgabe bekommen soll, aus dem Beatles-Mireille-Matthieu-Haarschnitt der Frau eine kleine, elegante Heidi Klum zu formen – in seiner Haut möchte ich dann also mal so gar nicht stecken.
Das Drama entwickelt sich nur minimal weiter, als Ihr beim Lebensretter vor bereits verschlossenen Türen steht und Dir schlagartig bewusst wird: jetzt musst DU den Rest des Abends bis zum nächsten Morgen wirklich alles gebündelt auffangen, was Dir an Tränen, Wutausbrüchen, Depressionen und Panikattacken ungefiltert entgegenschlägt, musst Deiner Liebsten eine wunderbare Welt aus Notlügen, Ausflüchten und Beruhigungen aufbauen, damit wenigstens wenige Stunden Schlaf möglich sind: soooo schlimm sei es doch gar nicht, irgendwie habe die neue Frisur ja auch was (man wisse nur nicht genau, was), es sei doch schließlich auch mal was anderes und nicht immer das sonst gleiche, in den frühen 70er Jahren war sowas auch schonmal total “hip” und wenn man von schräg unten links gucken würde, dann würde man bei starkem Gegenlicht auch nicht ganz so irritiert sein, wie bei normaler Draufsicht.
DAS, liebe Leute, ist aber erst der Anfang, denn so eine Nacht kann dann durchaus seeeeehr lang werden, insbesondere wenn neben Dir ein Häufchen Elend Stunde um Stunde immer mal wieder von einer Seite auf die andere rutscht und genauso regelmäßig den ein oder anderen leisen, herzzerreißenden Seufzer in die höchst depressive Stimmung der dunklen Nacht fallen lässt. Jede Viertelstunde in dieser Nacht wirst Du geweckt, um Rat gefragt, noch mal zurückwachgeschüttelt und angenölt, wirst in die Seite geboxt und am Ende, so etwa gegen 05:30 Uhr am Morgen hektisch und fast panisch aus dem Bett gestoßen, weil man sich ja dringend noch vor der Arbeit zum finalen Friseurbesuch begeben muss, damit die Welt sich endlich wieder so dreht, wie sie es denn soll.
An dieser Stelle möchte ich noch mal anmerken: DU warst in dieser ganzen Geschichte nur Statist, Berater, Chauffeur und Tröster, hast mit offenem Mund und aufgerissenen Augen knapp 2 Tage lang völlig perplex neben diesem Häufchen Drama gesessen und wie paralysiert einfach diesem wundersamen Schauspiel beigewohnt, bis Dich endlich eine 18jährige Friseurinnen-Azubine für ein kleines Taschengeld aus diesem Endzeitdrama befreit hat – übrigens mit einem Ergebnis, von dem sich der überteuerte Promi-Friseur durchaus noch eine Scheibe von abschneiden könnte.
So oder ähnlich hat es stattgefunden, im Jahre des Herrn zweitausendneun – und führte schließlich zu einem Happy-End Dank des Männerfriseurs meines Vertrauens. Danke, lieber Gott.



