Nahrungsaufnahme
Frisch angekommen in einer offensichtlich ja doch eher dauerhaften Beziehung kannst Du relativ mittelfristig die ersten Anzeichen dafür sehen, dass Du für Dich durchaus zufrieden mit der Situation bist. Jetzt ist es nun leider nicht so, dass sich so etwas ausnahmslos in aufregenden gemeinsamen Parties, abenteuerlichen Hobbies, durchzechten Wochenenden oder wilden Nächten der Begierde äußert, sondern hier und da auch gerne mal in der etwas – sagen wir “ruhigeren” Variante.
Statt der gemeinsamen Fahrradtour wird hier mal zusammen Lasagne gekocht, statt des Samstages in der Kletterhalle wird da mal auf dem Sofa Süßkram geknabbert, dort im Kino ein Eimerchen Käse-Nachos verdrückt oder zum Frühstück ausnahmsweise mal aus Spaß beim goldenen M eingekehrt. Des Abends gibt’s natürlich auch nicht mehr die Stulle auf die Hand, sondern den Klick zu Hallo-Pizza oder dem örtlichen Woher-auch-immer-Asiaten mit den neckischen Glückskeksen – und jetzt passiert es: Du musst einfach nur noch die Augen schließen, sie gaaaanz langsam wieder öffnen und schon erlebst Du innerhalb eines sanften Wimpernschlages, wie Du einfach so um grobe ACHT Kilo schwerer wieder zu Dir kommst. *ZACK*. Für Dich als MANN ist das jetzt nicht so das allergrößte Problem: nicht nur, dass Du eh überall schlanke Frauen mit eher kugelbäuchigen oder speckberingten Männern siehst, nein, Du bist inzwischen in einem Alter angekommen, in dem es auch bei Deinen Jungs cooler ist, einen Waschbärbauch zu tragen, als sich die kostbare Lebenszeit in miefigen Fitness-Studios um die Ohren zu hauen. Motto: “Separates the men from the boys”.
Die Frau sieht das jetzt nicht GANZ so locker wie Du.
Nichts ahnend liegst Du ziemlich sportlich auf der Couch herum und trainierst gerade Deine Augen in der Disziplin des 4-DVD-Staffeln-am-Stück-Schauens, als plötzlich ein paar flinke Fingerchen an Dein Kinn greifen (!) und ein wenig brutal (!!) daran ziehen.
Er: “WAS?”
Sie: “Nichts.”
Er: “WAS ist da??”
Sie: “Nichts.”
Er: “Schatz – Du sagst mir sofort was da ist!!”
Sie: “Nihiiiiiiichts. Also – naja… ich hab nur gedacht, dass das irgendwie… rundlicher aussieht?”
Du bist noch VÖLLIG verstört, stotterst chaotisch vor Dich hin, bist entsetzt und verwirrt, als Dich einer der eben erwähnten Finger plötzlich in die Seite piekst…
Sie: “Da auch.”
Er: “D… da? WAS da auch? WIE da auch??”
Sie: “Etwas mehr.”
Schock. Alarm. Armageddon. Der jüngste Tag. Genau ab JETZT erstellst Du Trainingspläne, suchst neue Lauf-Routen, bestellst Sportkleidung und wälzt Fitnessprogramme, grübelst über die Liegestütze am Morgen und die Sit-Ups am Abend. Der Plan steht: spätestens in 8 Wochen wird die kleine Pummelfee schon sehen, was “rundlich” ist. DU jedenfalls ganz sicher nicht mehr. Aus die Maus, Nikolaus. Wäre doch gelacht. Die paar popeligen Trainings-Einheiten hast Du auch mit 20 schon locker-flockig aus der Hüfte geschossen, und das ist ja nun auch nicht soooo lange her.
“Lange her!” – das ist es auch, was Du denkst, als Du beim Aufwärm-Training in der Sportschule nach 7 Minuten auf dem Boden liegst, während Dir ein besorgter Trainer und zwei der anderen Anfänger ein wenig Luft zufächern und Dir schmunzelnd eine kurze Auszeit verschreiben, damit Du zumindest die nächsten 83 Minuten noch lebend überstehst. Dein Plan zerfällt, Deine Aussicht auf Erfolg sinkt in Sekunden in sich zusammen und verkriecht sich irgendwo im nächsten Loch. Die Klappe fällt. Deinem Weibchen erzählst Du natülich nur in Ansätzen vom doch eher suboptimalen Trainingsverlauf, hörst Dir ausdauernd die lustigen Witzchen über Dich und Deinen Zustand an, lässt Dich wieder mal beraten, was denn in zahllosen Klatschblättchen für jemanden wie Dich empfohlen wird und willigst bereitwillig ein, erstmal gemeinsam eine kleine Diät zu machen, bevor es weitergeht.
Und dann piekst Du zurück. Ohne Gnade, ohne Erbarmen – bis sie beim Hausfrauen-Yoga morgens in der Turnhalle neben sechs 45jährigen beim Steppen in sich zusammenfällt und Ihr beide nun endlich wisst: ab auf die Couch, eine riesige Pizza bestellen und zum Nachtisch ein fantastisches Eis. Und ne Runde pieksen.
Frauen sind ja per se nicht darauf ausgerichtet, genauso viel Lebensmittel in sich reinzustopfen wie Männer. Sie verbrauchen weniger Kalorien den Tag über (unter normalen Umständen) und haben immer viel mehr damit zu kämpfen, überflüssiges Gewicht loszuwerden. Auch sonst hat eine Frau einfach meistens ein bisschen weniger Hunger als das gemeine Männchen, wobei die Gründe dafür nicht selten eher psychologischer denn biologischer Natur und selbstauferlegt sind.
Oft kommt es also vor, dass ich mit dem Liebsten in einem Restaurant oder Café sitze, schon etwas gegessen habe und er, nach einem Kaffee, seinen Dessert- oder Kuchengelüsten nachkommen will. Es ist ja nicht so, als ob ich von heute auf morgen nicht mehr auf Tarte au Chocolat stehen würde, aber nach einem halben Rind, was ich vorher schon zu mir genommen habe, passt so ein Stück kompakter, klitschiger Teig einfach nicht mehr in meinen Magen. Was aber natürlich NICHT heißt, dass ich nicht etwas davon haben wollen würde. Ich will halt nur kein ganzes. Erstaunlicherweise ist er in der Lage, mit mir eine Wohnung, ein Auto und ein Bankkonto zu teilen, aber bei Desserts hört die Liebe offenbar auf.
“Ich hätte gerne die Nummer XY – Schatz, willst du auch was?”
“Nö, ich probier mal von dir, wenn ich darf.”
Dieser Satz, ähnlich wie “Ich nehm einen Löffel von dir, wenn ich darf” (und das “wenn ich darf” wird obligatorisch hinten angehangen), scheint bei Monsieur offenbar derartige Überlebensängste auszulösen, dass darüber hinaus das eigentlich genetisch verpflanzte Ernährer-Dasein komplett vergessen wird. Die Augen werden verdreht, der Kopf geschüttelt und dann ganz entschieden: NEIN! gesagt. Ich soll mir doch selber was bestellen, das kann doch nicht sein, dass ich immer was von ihm abhaben wolle und wenn er mich dann einmal ranließe, würde ich den ganzen Teller leer essen und er hätte nichts davon.
Entsetzt über so viel Egoismus will ich dann natürlich auch nichts mehr abhaben, wenn das Essen dann kommt, muss man mich schon mit einer geladenen Waffe an der Schläfe zwingen, zu probieren. Zumindest die ersten 30 Sekunden. Aber mehr nicht!
Andersrum ist es natürlich was GANZ anderes. Da geht man durch den Supermarkt, sieht ein Päckchen Brausebrocken herrenlos rumliegen, will es mit nach Hause zu sich nehmen und muss noch mal kurz vorher rechtfertigen, wieso: wegen der Waldmeister-Brausebrocken. Ich denke ich kann von mir behaupten, dass ich als Kind höchstgradig süchtig danach war, hin und wieder erreicht mich ein Rückfall auch jetzt noch. Wir nehmen das kostbare Gut also mit, genauso wie das Brot und den Aufschnitt, dessen Mitnahme mich vorher noch einen Spießrutenlauf hat mitmachen lassen (“Ah, jetzt willste dich aber für das halbe Kilo nochmal belohnen, nicht wahr?), bringen es nach Hause, verstauen es dort, schlafen eine Nacht und ich verschwinde dann in mein Office-Office.
Was sich in der Zeit meiner Abwesenheit dann in seinem Home-Office abspielt, kann ich nur vermuten, ich tippe aber auf einen Fressanfall so gegen Mittag. Wenn man nämlich spätabends nach Hause kommt und sich noch ein Brot machen will und plötzlich nur noch die halbe Packung in der Hand hält und das Zeug, was eigentlich drauf kommt, zu ungefähr 2/3 vernichtet ist, kommt man schon mal ins Grübeln. Aber macht ja nichts, ich hab ja noch Waldmeister-Brausebrocken. Also ab ins Wohnzimmer, an die Candy-Futtertheke und dann: suchen. Eigentlich müssten da ja mehr als ZWEI von den Dingern liegen, ist aber nicht der Fall. Und als ob das nicht reichen würde, sind die beiden auch noch gelb, also Zitrone, also die Sorte, die ich nicht mag, was nebenbei bemerkt schon wirklich lange in unserem Haushalt bekannt ist. Ich gehe also fassunglos mit den zwei ungeliebten Dingern, der halbleeren Brottüte und der fast leeren Wurstverpackung nach hinten und halte ihm alles hin.
“Baby, was ist das?”
“Ääääähhh… Also weißt du.. Heute, als du im Büro warst, da hat es geklingelt. Und da standen drei kleine Kinder bei uns vor der Tür, mit kaputten Filzhüten, alten Mänteln und Kohlestaub im Gesicht. Die leben seit 5 Jahren auf der Straße und haben seit 4 Tagen nichts mehr gegessen.. Und die waren so schwach und konnten sich kaum noch auf den Beinen halten.. Verstehst du? Die haben bitterlich geweint und gefroren und da konnte ich nicht anders.”
“Du hast sie also mit Brot, Wurst und Brausebrocken gefüttert?”
“Ja und sie waren so glücklich, du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne man für dieses Lächeln aus strahlenden Kinderaugen Hilfe und Trost spendet.”
Aha. Ein einzelnes Gäbelchen von irgendeinem Dessert darf nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen meinen Magen erreichen, MEIN schon bei der Beschaffung hart erkämpftes Essen muss ich aber teilen, ohne überhaupt gefragt zu werden! Ich muss mir auch noch während er seinen Joghurt isst anhören, dass er traurig, unglaublich traurig ist, weil er schon den Boden sehen kann, was für mich ganz klar das Zeichen ist, meinen Joghurt so schnell wie möglich zu vernichten, damit er ihn mir nicht wegnimmt.
Aber gut. In Zukunft werde ich einfach Schokolade mit Chili-Geschmack, Zitroneneis mit Basilikum, Rosen-Sahnetorte und Erdbeeren mit Pfeffer auf den Tisch stellen. Ich hoffe, er gewöhnt sich nicht so schnell daran, wie an die Wasabi-Erbsen, aber es besteht etwas Hoffnung, dass er sich nicht ganz so schnell überwinden kann.
Es ist jetzt mittlerweile etwas über einen Monat her, sprich unsere Diät-Challenge hat jetzt Halbzeit. Er hat es tatsächlich geschafft, die Hälfte des angestrebten überflüssigen Fettes, Wasser, Wasauchimmer zu verlieren, mich trennt ein halbes Kilo von der Hälfte.
Zeit um mal kurz auf die Veränderung des männlichen Wesens einzugehen und festzustellen, dass Kerle ja irgendwie auch nur Frauen sind. Durch das wenige Essen verbrauchen wir unglaublich viel weniger Geld im Supermarkt, was allerdings nicht heißt, dass ein Supermarktbesuch schnell und unkompliziert ist. Während mir ungefähre Fett-, Zucker- und Kaloriengehalte jedweder Lebensmittel im Laufe der letzten 10 Jahre dank der Lektüre tonnenweiser Frauenzeitschriften mehr oder weniger ununterbrochen ins Gehirn geprügelt wurden, scheint sich der Liebste zum ersten Mal wirklich damit zu beschäftigen, was natürlich direkte Auswirkungen auf sein Gesamteinkaufsverhalten hat.
War es anfangs noch so, dass er, sein Mantra immer laut vor sich her sprechend, dass man ja alles essen könne, was man wolle, wenn man genug Sport treibe, eigentlich keinen Einkauf ohne ausgedehnten Abstecher in der Süßwarenabteilung hinter sich bringen konnte, sieht es heute so aus, dass im besten Fall stur dran vorbeigelaufen wird. Oder er läuft kurz rein und steht wie ein sechsjähriger vor dem Regal und guckt mit großen Augen die auf Augenhöhe hängenden Gummibärchentüten an, nimmt sie raus, liest sich durch, was er essen könnte, wenn er keine Diät machen würde, legt die Tüte dann bedächtig wieder weg und rennt fluchtartig zur Kasse, vor und an der sich das Schauspiel wiederholt. Kurz davor steht nämlich das gesamte Eissortiment vom Kaufland und die Kasse selbst… Naja, das Prinzip mit der Quengelware funktioniert auch über Ü30-Jungs bestens, sobald sie auf Entzug sind. Bis zum Ende dieses Einkaufsschauspiels werden mehrere 500 Gramm-Schalen Cocktail-Tomaten in den Wagen geworfen, die könne man ja schließlich auch abends vorm Fernseher essen. Und alles, was an Gewürzmischungen unseren Weg kreuzt, wird genauestens studiert, die Nährwerttabelle sagt ja schließlich viel aus.
“Nein, lass uns lieber das nehmen, das hat weniger Fett.” “Hier sind aber weniger Kalorien drin.” “Hast du dir mal angesehen, wieviel Zucker da drin ist? Da macht das mit dem geringen Fettgehalt auch keinen Unterschied.” “DA, guck! ZWANZIG Gramm Zucker auf 100 Gramm, hallo? Das geht ja gaaaar nicht!!”
Nahrungsmittel werden jetzt nicht mehr in Genusskategorien eingeteilt, sondern ganz klar nach Brennwert sortiert. Das gelegentliche Einknicken, wenn die “innere Körpermitte so heiß ist, dass sie nur mit einem Eis gekühlt werden kann” und die an Spitzentagen dreifach verzehrten Sahnejoghurts werden einfach weggeredet. DANN ist es ja so, dass ein Mann ja grundsätzlich einen viel höheren Kalorienverbrauch hat, als eine Frau und außerdem gehe man ja morgen wieder joggen und da könne man auch sowieso in Zukunft keine Rücksicht mehr auf meine Arbeitszeit nehmen, Wette sei Wette und da kenne man auch keine Freunde. Und davon abgesehen ist Eis ja auch nichts schlimmes, Eis ist gefrorenes Getränk und wenn es unten im Magen ankommt, ist es auch nur so, als ob man Wasser getrunken hätte. Jepp. Gibt es auch Milchjungenrechnungen?
Als ob das nicht schon anstrengend genug wäre, wird mir mindestens einmal am Tag der neu errungene Platz zwischen Bauch und Hosenbund-Innenseite präsentiert, natürlich nicht, ohne gleichzeitig wortlos meine Bestätigung dieser Entdeckung einzufordern. Und selbstverständlich nicht, ohne Zuhilfenahme von verbalen Spitzen und Androhungen von etwaigen Wettschulden-Rückzahlevents mein sportliches Versagen zu belächeln. Nun gut. Dass der erste Teil immer schnell geht und es dann stagnieren könnte, wird er sicherlich auch bald lesen, wenn er sich wieder eines meiner Frauenmagazine auf dem Klo durchliest. Nachdem er den ganzen Tag nichts gegessen hat und abends Mordgelüste gegenüber allen essbaren Lebewesen bekommt. Ich habe zwar noch nicht fünfzig Prozent erreicht (und das, was ich erreicht habe, habe ich auch nur unter fragwürdigen Umständen geschafft), aber ich geißle mich nicht, bis ich so schlechte Laune habe, dass ich alles und jeden umbringen könnte. Und ich verzichte lieber darauf, innerhalb von 10 Minuten eine halbe Baguettestange und einen halben Becher Kräuterquark zu essen (“Moah, ist DAS lecker – viel besser als Süßkram!!” natürlich.) und pushe meinen Blutzuckerspiegel lieber einmalig mit einem bis vier Riesen hoch und bin dann langfristig glücklich und zuckersatt.
Frauen sind ja schon irgenwie seltsam, oder? Ich mein, jetzt mal ganz im Ernst: da schleppen sie Dir nahezu täglich zwei bis sechs verschiedene Magazine nach Hause deren Inhalt lediglich daraus besteht, die absolut neueste und effizienteste Bauch-und-Po-weg-Diät anzupreisen, da lesen sie die niedlichen Blättchen doch tatsächlich ganz genüßlich bei einer Tafel Joghurette. Davon nimmt man ja schließlich ab, weil die 80er-Jahre Schatzis aus der Werbung ja schließlich auch dabei joggen und der mentale Einfluss ja sowieso fast 50% des Erfolges ausmacht. Is klar.
“Guck mal, da!”
“Wasn?” – ich blicke zu ihr rüber, wo mir mit beiden Zeigefingern mehr als eindeutig auf die zitternde Wade gezeigt wird…
“Da sieht man schon MUSKELN!!!”
“Jau. Zumindest könnte man den Schatten als sowas deuten”, denke ich mir im Stillen.
Da stehen wir nun, gut vier Wochen vor der Hochzeit und etwa zwei Wochen nach unserer Verabredung, mehr als deutlich an unserer körperlichen Fitness zu arbeiten – schließlich wollen wir am D-Day auch eher passabel als geradeso in unsere neuen Kleider passen. Ist ja jetzt auch nichts gegen zu sagen, so an sich.
Als Mann hast Du da natürlich wieder deutlich mehr Struktur in der Planung: während Du Deine tägliche Nahrungsaufnahme auf ein absolutes Minimum reduzierst, Deinen Körper gleichzeitg sportlich zu Höchstleistungen antreibst und jeden Abend vor dem heimischen Spiegel sehr überzeugt davon bist, als Cover-Boy der nächsten Men´s Health dienen zu können, informierst Du dich fachlich und höchst wissenschaftlich über die Eigenschaften Deiner bisher liebgewonnen Hauptnahrungsmittel und ziehst daraus höchst kompetent Deine ureigenen Schlüsse. So sind wir halt: planen, anvisieren, einkreisen, zuschlagen. Eine Jahrmillionen alte Taktik der Beutesuche findet tatsächlich auch hier ihre Anwendung, denn wir wissen einfach wie es geht und wie wir unser Ziel am effizientesten erreichen.
Frau hingegen ist da ja doch etwas anders gestrickt. Also eher nicht ganz so zielgerichtet, sondern eher – in Kurven zum Ziel. Zunächst einmal beginnt die Diät einer Frau mit Shoppen. Ist ja ganz klar und nicht zu widerlegen: wenn eine Frau Sport macht, dann braucht sie das entsprechende Outfit. Samt güldener Kreditkarte hüpft man hochambitioniert in das nächste Sportgeschäft und deckt sich mit 4 verschiedenen Laufkostümchen ein (schließlich wird man mindestens SO oft joghurettejoggen gehen, dass man damit geradeso hinkommen wird!) und freut sich schon jetzt darauf, bei Sonnenschein mit dem sportlichen Mann an der Seite und dem hüpfenden Hündchen im Schlepptau durch die grünen Parks der Millionenstadt zu joggen.
Da haben wir dann dummerweise das erste Problem: die Sonne scheint eben NICHT jeden Tag, der Hund hat keinen Bock und der Mann ist von den regelmäßigen Gehpausen genervt. Hier und da ist man zu müde, hat Kopfschmerzen oder eben gerade einfach keine Lust – und der Gedanke, dass nun EIN Laufdress vielleicht doch gereicht hätte, wird einfach mal schnell und heimlich verdrängt. Wer weiß wofür es gut war… Frau braucht an dieser Stelle also unbedingt eine Alternative, wenn sie nicht weiter Abend für Abend vor dem Spiegel durch den Flur brüllen möchte: “Schaaaaaaaatz – wann sieht man denn endlich was????”
Im nächsten Schritt versucht sich das weibliche Geschlecht also dann doch mal mit der Ernährung zu beschäftigen: das tägliche Käsebrötchen und der Schokoriegel werden durch Obst ersetzt, die Lasagne am Mittag mutiert zum grünen Feldsalat und Kekse oder Kuchen werden knallhart und zielstrebig von der Liste gestrichen. An sich und soweit spricht mal wieder nichts dagegen – außer der “Ich finde EINE Ausnahme kann ich ruhig mal machen” – Kulleraugen-Strategie: nachdem man den Einkaufswagen im Supermarkt mit Wasser, Obst, Magermilchprodukten, etwas Geflügel und Möhrchen gefüllt hat, macht man nur noch einen ganz kurzen Abstecher Richtung Gummibärchenbande – denn “EINE Ausnahme kann man ja ruhig mal machen.”
Morgen für Morgen hörst Du die kleinen Füßchen ins Bad tappsen, hörst, wie die Waage über die Fliesen gezogen wird, hörst ein leises Seufzen und wie die Waage wieder zurückgeschoben wird. Kleiner Tipp: schlafend stellen, nicht reagieren und so lange die Luft anhalten, bis sie wieder beim nächsten Problem ist, denn eine Frau in so einer Situation davon zu überzeugen, dass diese vielen wirren, verrückten und überflüssigen Gedanken in ihrem Kopf Unsinn sind, das hat so viel Aussicht auf Erfolg wie ein Sechser im Lotto.
Es müssen also die ganz harten Bandagen her: Eiweiß-Shakes. Nachdem Weibchen wieder mal Shoppen war und diesmal statt mit Sportkleidung mit sieben 5-Liter-Eimern Eiweiß-Shakes in der Tür steht (“Ich ernähre mich jetzt nur noch davon, 5 Drinks am Tag!! Nix mehr sonst!“) wird trotz aller Einwände meinerseits also nun die Königsdisziplin im Abnehmen angegangen – bis auf EINE Sache: “EINE Ausnahme kann man ja ruhig mal machen.”
Und ich gewinne doch.
Ausnahmsweise mal eine gemeinsame Meldung: Noch 68 Tage bis zur Hochzeit, bei beiden gute 10 Kilo zu viel auf der Waage. Nur schmerzhafte Einbußen können uns jetzt dazu bringen, unsere Körper auf damaliges Single-Niveau zu stutzen, nur eine harte, grausame Wette zwischen uns beiden kann uns dazu nötigen, uns dieses Mal wirklich daran zu halten und es durchzuziehen.
Was tut ihr weh, was ihm? Es ist ganz einfach, liegt so nahe: Er, Ex-Kölner voller Sehnsucht nach seiner Stadt am Rhein, sie Elektro-Mädchen mit Hang zu Musik, die er eher als einen Defekt der CD deuten würde, denn als “Musik”.
Absprache: ER verliert bis zur Hochzeit ZEHN Kilo. Wenn nicht, muss er mit ihr eine Veranstaltung mit elektronischer Tanzmusik besuchen. SIE verliert bis zur Hochzeit ACHT Kilo. Wenn nicht – festhalten! – muss sie mit ihm in Köln Karneval feiern…
Dass das Ganze sicher nicht gesund sein wird, wissen wir. Ist ja nicht unsere erste Diät. Dass das Ganze ein brutaler Zweikampf wird, wissen wir auch – Mann gegen Frau, quasi im Schützengraben voreinander, mit bösen, fiesen und hinterhältigen Mitteln. Aber am Ende zählt die Waage – und die lügt nicht.
Es gibt einen Grund dafür, warum die Liebste mich gerne mal liebevoll “Cowboy” nennt: nicht nur, dass ich natürlich ein extrem rauhbärtiger und unglaublich verwegener Haudegen bin, den die Wildnis und das Leben zu einem echten Mann formten – nein, man kann mit mir bei einer sternklaren Nacht wunderbar an einem Lagerfeuer sitzen und sich spannende Geschichten aus faszinierenden Abenteuern anhören.
Warum ich das schreibe? Nun, nicht dass ich etwas dagegen hätte, beschürzt und mit einem Kochbuch bewaffnet vor dem heimischen Herd die Löffel zu schwingen, aber vielleicht möchte in unterschwellig bemerken, dass diese Aufgabe nicht ganz auf mich zugeschnitten ist.
So auch heute. Liebelein möchte die letzten Wochen vor der Hochzeit dazu nutzen, sich und mich noch ein wenig exakter in die maßgeschneiderten Beinkleider zu formen, so dass wir (mal wieder) vor der großen Aufgabe einer Diät stehen. Woche 1 dieses Unterfangens bedeutet für uns in diesem Fall, dass wir uns ausnahmslos von Kalorien-armen Nudelgerichten ernähren dürfen, was ja im Grunde keinen allzu hohen Anspruch erfordert, solange man die speziellen italienischen Saucen nicht ins Spiel bringt.
So kämpfe ich also den Kampf gegen organisatorische Windmühlen in der Küche: seit jeher war und ist es mir ein Graus, beim Zubereiten einer Mahlzeit mehr als EINEN Kochvorgang gleichzeitig zu verrichten – erstaunlich finde ich hierbei sogar Menschen, die noch WÄHREND dieses planerischen Großaufgebots auch in der Lage sind, das ganze benutzte Geschirr zu spülen. Ich brate Zwiebeln und Knoblauch an, während ich gleichzeit Tomaten zerwürfle, ich soll das Wasser nicht überkochen lassen, wärend ich Zucchini wasche und schneide, muss das Schneidebrett reinigen, während das Öl in der Pfanne die eben genannten Zwiebeln zu schwarzen kleinen Stückchen verschwinden lässt, soll Petersilie zerhacken, während die Nudeln langsam vor sich hinköcheln und zu guter Letzt auch noch Zitronen pressen.
Schweiß steht mir auf der Stirn. Heißes Bratöl am Arm, Tomatenreste auf dem T-Shirt, mit dem Messer fast in die Hand geschnitten und gerade noch 3 Minuten, bis die Liebste nach Hause kommt. Für einen kurzen Augenblick denke ich, ich habe alles richtig gemacht, als mir dummerweise auffällt, dass ich ja noch 6 bis 8 Löffel Brühe in die Pfanne geben muss.
“SECHS bis ACHT??” grüble ich noch vor mich hin, während ich auf das äusserst kleine Glas mit Gemüsebrühe starre. Das würde bedeuten, dass ich 12 bis 16 Eßlöffel (!) von dem Zeug darein geben muss, da wir ja schließlich zu zweit sind. “Jungejunge!!!” denke ich mir, DAS ist aber mal ne ordentlich Portion… Ob der Pfanneninhalt dann nicht irgendwie… eher wie eine Pampe aussehen wird? Ich setze mich – nicht ganz ohne schlechtes Gewissen gegenüber den Kochanweisungen – über die Angabe hinweg und belasse es einfach mal bei FÜNF Eßlöffeln Brühe, versuche mühsam, diese unter das inzwischen nahezu verdampfte Gemüse zu stampfen und bin glücklich, als es endlich an der Tür klingelt.
D.R.A.M.A !!! Direkt nach Schilderung meines großartigen Kocherlebnisses schnappt sich meine Anführerin ein Glas und gießt doch tatsächlich literweise Wasser (!!!) in mein Sterne-verdächtiges Mahl, kichert vor sich und schaut abwechselnd mich und das Kochbuch mit hochgezogener, skeptisch wirkender Augenbraue an – das müsse man doch wissen, heißt es plötzlich, sowas könne man doch erahnen wird mir gesagt, das wäre doch wirklich mehr als einfach bekomme ich zu hören und dass das ja sowieso von vornherein schlecht geplant war.
Na super. Ich bin ein bisschen beleidigt, als ich mit energischen Schritten die Küche verlasse, plane einen Beschwerdebrief an die Autoren des Kochbuches zu verfassen und stapfe mit langezogener Miene ins Wohnzimmer zurück, um mich schmollend über diese Unverschämtheit aufzuregen -
Ich bin kein Koch – ICH BIN EIN COWBOY!!!



