Shoppen
Das Thema Frauen und Schuhe ist ja kein unbekanntes und ich möchte vermeiden, hier jetzt in akribischster Kleinstarbeit darzulegen, was es mit dieser Beziehung auf sich hat. Um es für die Herren der Schöpfung kurz zu machen: Frauen und Schuhe sind wie Männer und Autos. Nur dass die Leidenschaft auf weiblicher Seite für gewöhnlich leichter bezahlt werden kann, als beim Mann an sich. Man kann sich auch im Vorbeilaufen einen Deichmann-Schuh für 15 € kaufen und zumindest eine kurze Zeit glücklich damit sein, würden Männer das bei ihren Autos genauso handhaben, wären sie (was den bundesdeutschen Durchschnitt betrifft) innerhalb von ein bis zwei Monaten Wochen Tagen ganz sicher pleite. Und trotzdem stößt Frau immer wieder auf Unverständnis, muss sich mit Stereotypen vergleichen und mit Klischee-Witzchen beleidigen lassen: “Aaaachja, Frauen und Schuhe. Kenne ich. Hat meine auch, das Problem.”
Schuhe kaufen, meine Herren, ist kein Problem. Wir kaufen Schuhe nicht, weil uns langweilig ist, sondern weil wir Schuhe lieben. Schuhe sind wie Drogen. Und ja, wir kaufen auch ab und zu mal Schuhe, die uns nicht besonders gut oder gar nicht passen, oder mit denen wir aus orthopädischen Gründen nicht einen Meter laufen würden, weil sie viel zu hoch sind. Wobei gerade das in der Regel die Schuhe sind, die euch am besten gefallen. Diese Schuhe stellen wir uns auch gerne einfach mal so in den Schrank und gucken sie an. Vielleicht tragen wir sie ein, zwei Mal, aber wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Eigentlich weiß ER das auch. Auch, dass dieses Verhalten ziemlich typisch ist. ABER: solange andere Männer davon reden, wie ihnen bzw. ihren Frauen DAS passiert, ist es ja noch ganz witzig. Komme ich dabei ins Spiel, haben die Erzählungen zumeist mehr mit Verzweiflung zu tun.
Es gibt Schuhe, die kauft man einfach und kann das kommentarlos tun. Kommentare wie “Waren im Sale, haben 20 € gekostet” zählen in diesem Fall genauso wenig wie die “Gehören meiner Freundin XY”-Ausreden. Dann gibt es Schuhe, die man mit vielen Kommentaren vorher und hinterher kaufen würde, ob man sie aber kauft, sei dahingestellt. Und es gibt Schuhe, die man mit vielen Kommentaren vorher, währenddessen und nachher kauft. Der letzte Schuh, den ich mir gekauft habe, war so einer und heißt Sedaraby D´Orsay. Ein Schuh mit einem spanischen Vater und einem Namen wie ein Lied. Jaaahaaa, genau – das ist DER Schuh. In meinem Fall Gold.Seide.Swarovski. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach der Anlieferung und Rücksendung von mittlerweile 7 Paar und der Begutachtung von geschätzten 240 Paar möglichen Brautschuhen (und das habe ich ihm alles erspart und alleine bzw. mit Freundinnen und Arbeitskolleginnen gemacht) streifte dieser Schuh meinen Weg und MUSSTE meiner sein.
Nun ist es relativ schwierig, einen Mann davon zu überzeugen, dass man für einen, wenn auch DEN Tag, Schuhe braucht, die fast 2 Monatsmieten kosten. Der Mietspiegel in diesem Kaff hier ist allerdings auch recht niedrig, in Köln hätte man unsere Wohnung mit dem Schuh vielleicht für zwei Wochen bezahlen können – was im übrigen eine Milchmädchenrechnung und als Gegenargument nicht wirklich zu gebrauchen ist. Es hilft jedoch immer ein wenig, wenn man “zufällig” auch noch bei ebay über diese Schuhe stolpert, die gerade nagelneu mit Box und Staubbeutel mit einem Startpreis von einem Euro ins Rennen gegangen sind. Nicht ganz so hilfreich ist es aber, wenn beide Parteien wissen, dass die Schuhe eigentlich viel zu teuer werden. Unter normalen Voraussetzungen vielleicht noch vertretbar, aber wenn man gleichzeitig noch eine Hochzeit für 100 Gäste organisieren (will sagen bezahlen) muss, können ein paar Hundert Euro schon mal dafür sorgen, dass das ursprünglich geplante Gastgeschenk nun doch eine Nummer weniger luxuriös ausfällt. Aber er ist ja ein toller Mann, sonst würde ich ihn nicht heiraten. Nachdem schon ein paar Tage abgelaufen waren und ich eigentlich dauerhaft einen Tränenfilm auf meinen Augen hatte, weil ich befürchtete, DIE Schuhe (die ihm nebenbei auch sehr gut gefallen haben) nicht kaufen zu können, zeigte er sich besonders großzügig: “Du zahlst bis Betrag X, alles was darüber hinaus geht, zahle ich.”
Was soll ich sagen, ich habe die Schuhe ersteigert, natürlich. Mit pochendem Herz und zittriger Hand habe ich bis 19 Sekunden vor Auktionsende vorm Rechner gesessen und dann einen irrsinnig hohen Betrag, den wir niemals hätten zahlen WOLLEN eingegeben und gebetet, dass unsere DSL-Leitung gnädig mit mir ist. Der Endbetrag lag nochmal gut 100 € höher als das, was vorher zu sehen war, aber wen interessiert es? Es kann durchaus befremdlich für ihn gewesen sein, dass ich anschließend quietschend und springend durchs Wohnzimmer getobt bin. Lediglich die Uhrzeit hat mich daran gehindert, nicht die ganze Welt anzurufen und es jedem weiblichen Wesen aus meinem Telefonbuch zu erzählen. Es war wie ein Rausch, der Höhepunkt eines Drogentrips – mit einem vollkommen irritierten, verwirrten Verlobten auf der Couch, der mich aus großen, entsetzen Augen anstarrte, den Kopf schüttelte und mich dann fragte, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ob das denn wirklich sinnvoll sei, was er da getan hätte, nicht dass ich jetzt denken würde, das ginge immer so und mir dauernd so teure Schuhe kaufe. Ob ich mir eigentlich im klaren darüber sei, WIE teuer die Schuhe genau sind, was wir damit sonst noch alles hätten machen können und dass das Hotel in den Flitterwochen nur unwesentlich teurer ist.
Ja. Weiß ich. Ist mir aber egal. Ich hab die schönsten Schuhe der Welt. Und ich habe auch den besten Verlobten der Welt. Und wenn er sich irgendwann mal seinen Ford Mustang kaufen kann, gebe ich ihm was dazu. Dann weiß er auch, wie sich das anfühlt.
Ich gebe zu, ich habe eine Art Such-Sucht. Es macht mir Spaß, mich in eine Art Ziel zu verbeißen und alles, was damit zu tun haben könnte, bei Google aufzutreiben und ihm zu zeigen. Aber das ist alles nur gut gemeint, da es ihn im Grunde genommen immer genauso betrifft wie mich und ihm für so eine Passion von allem ein bisschen fehlt: Motivation, Muße und Minuten. Was ich innerhalb von 5 Minuten zum Thema “Wochenendtrip nach Prag” aus den tiefsten Tiefen des www hervorkrame, findet er in 2 Stunden nicht.
Je nach Sichtweise ist ein Faible für schöne Hotels und dem grundsätzlichen Interesse, möglichst viele Städte in vorgegebener Zeit anzupeilen, für eine solche Selbstbespaßung nicht unbedingt förderlich. Da ich nicht mehr selbständig bin, muss ich mich diversen Vorgaben unterwerfen, weiß also neuerdings schon relativ früh, wann ich über das Jahr verteilt mehr als nur ein Wochenende frei habe und kann damit also gut kalkulieren. Und SUCHEN. Und ich bin, was Urlaubsziele betrifft, ziemlich sprunghaft, was dazu führt, dass ich ihn oft zuerst mit Links von landesspezifischen Flickr-Sets und anschließend mit Hotels vollspamme. Ihm ein Hotel zu zeigen, welches in einem Ort steht, in dem wir schon mal waren, hat weniger mit der Tatsache zu tun, dass ich zeigen will, was wir hätten bewohnen können, wenn ich es vorher schon gefunden hätte, sondern mehr damit, dass wir beim nächsten Mal dort wohnen könnten, wenn wir wieder da sind. Er kennt ja meinen “Holiday”-Lesezeichen-Ordner noch nicht.
Dieses exzessive Suchverhalten ist direkt gekoppelt an ein hochbegeistertes Linkbombardement und betrifft nahezu jeden Bereich unseres Lebens, egal ob es um Urlaub, Job, Klamotten, Kraftfahrzeuge oder Nachrichten geht. Ich kann auch eigentlich nichts dagegen machen, die virtuellen Neu-Errungenschaften will ich bitte sofort mit ihm teilen, ob er will oder nicht.
Mehr als oft weiß ich, dass er sich die Links nicht ansieht und immer nur “jaja, schön” oder “wenn du meinst” sagt – die Wortknappheit immer besonders clever mit wenig Zeit begründet. Fällt mir meistens dann auf, wenn ich testweise abends oder später (ich zeige ihm die Sachen ja auch auf meinem Rechner zu Hause, da scheint er allerdings immer millimeterknapp über mein Display hinwegzusehen) noch mal auf Hotel X in Stadt Y anspreche und er keine Ahnung hat, wovon ich spreche. “Hab ich dir doch geschiiiihiiiickt/gezaaaheeeeeiiiigt”. “Oh, echt? wann denn?”
Am Ende des Tages hat er sich bislang aber im realen Leben über nichts beschweren können – weder über Hotels, noch über Schuhe, die ich mir dann doch gekauft habe.
Mein Weibchen ist besessen. Besessen davon, mich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit den verschiedensten bunten Links aus dem Netz zu bombardieren, die ihren süßen kleinen Alltag aufhübschen und mittlerweile weitaus mehr Einsatz von mir fordern, als jede abendliche Vor-dem-Einschlafen-Diskussion. Inzwischen bin ich gar soweit, dass ich ein deutliches Muster im Link-Management der Kleinen entdecken kann, so dass sich ohne Probleme folgende Kategorien im Suchmuster der Madame formen lassen:
Kategorie 1: Links zu glitzernden Taschen und zu hübschen Sandälchen.
Ihre Majestät neigt dazu, immer und immer und immer wieder irgendwo in den Weiten des Netzes die verrücktesten, buntesten, schnörkeligsten und manchmal – aus Männersicht – leider auch hässlichsten Schühchen und Täschchen auszugraben, welche mir dann mit großen Kulleraugen als wunderbare und in die Hände klatschende Links via Skype weitergereicht werden, während natürlich direkt schon ein „die will ich ja eh nicht kaufen, aber die sind SO toll!!!“ hinterher geschickt wird. Die Kunst liegt darin, dass Du als Mann relativ schnell die wichtigste Info – (den PREIS!) des Objektes ausmachst und gnadenlos mit einem „hast Du einen reichen Liebhaber??“ quittierst. Noch größere Kunst liegt übrigens darin, sich den Inhalt der Links gar nicht erst anzugucken, und trotzdem genauso zu antworten, als wüsstest Du alles über das Objekt ihrer Begierde.
Kategorie 2: Links zu schicken Hotels.
Hotels sind ein Thema für sich. Liebelein ist nämlich nicht nur in der Lage, potentielle Hotels für den nächsten, den übernächsten UND sogar den überübernächsten Urlaub zu sondieren, auszukundschaften und en Detail zu bewerten, sondern sie schickt mir sogar Links zu Hotels, die wir in VERGANGENEN Urlauben hätten nehmen KÖNNEN, wenn wir uns nicht für Hotel XY entschieden HÄTTEN. Im Grunde habe ich so inzwischen schon die ganze Welt gesehen, ohne diese überhaupt jemals komplett bereist zu haben – aber auch hier gilt: gekonnt antworten und nicht zu sehr durchblicken, dass Du eh nur jeden dritten Link beachtest. Sonst gewöhnt sie sich dran.
Kategorie 3: Links zu niedlichen Welpen-Bildchen.
„AAAAAAAAAAAWWWWWWW!“ Dieses lustige, manchmal befremdlich klingende Geräusch aus dem Köpfchen einer Frau kennen wir Jungs ja irgendwie alle. Irgendwo im weiblichen Korpus befindet sich ein pausenlos arbeitender Umgebungs-Scanner, welcher fleißig und ohne Unterlass darauf ausgerichtet ist, die Umgebung nach niedlichen, putzigen, wackligen und unfassbar schnuckeligen Kleintieren zu untersuchen. Schlägt der Sensor an, wird automatisch ein kontinuierliches, langanhaltendes und relativ unüberhörbares „AAAAAAAAAAWWWWW!“ ausgesendet und das Gesicht der Frau friert ad hoc im Zustand einer 4-Jährigen ein. Phase 2: NATÜRLICH kann es nicht sein, dass Schatzi zuhause oder im Büro diesen süüüüüßen Anblick nicht erleben darf, sodass sämtliche Kätzchen-, Hündchen-, Kaninchen- und Panda-Baby-Bildchen im Sekundentakt das Email-Postfach füllen.
„AAAWWWW!“ – das denke ich dann auch, wenn ich sie in den Papierkorb schiebe und „klick“ – lösche.
Aber ich mag es trotzdem, dass meine kleine Suchmaschine so fleißig an mich denkt… :)
Eins wurde mir ja schon damals klar, als ich hier einzog: VIEL Platz für die eigene männlich-rustikale Kleidung würde die Liebste mir nicht zur Verfügung stellen. Nach einigen Diskussionen und Betteln meinerseits wurden mir dann tatsächlich doch 3 wahnsinnig große Schubladen in einer (!) von insgesamt drei Kommoden zugeteilt und ihn ihrem ANKLEIDEZIMMER die hintere Ecke freigemacht, damit ich dann doch irgendwo unterkommen konnte.
Was mir auch damals schon in meiner investigativen Recherchearbeit auffiel: durchaus mehr als nur ein glitzerndes Kleidungsstück in Madames Kleiderzimmer trugen noch ein Preisschild. Im Laufe der nachfolgenden Zeit stellte sich dann genauso heraus, dass auch das ein oder andere Paar hoher Schuhe aus dem nicht gerade kleinen Schuhregal noch ungetragen waren – begründet mit (O-Ton!): “Die sind mir zu klein. Die werden mir auch niemals passen. Aber ich MUSS die haben! Wirklich!!”
Klar. Musst Du haben. Sicher. Gut ein Jahr später darf ich nun feststellen, dass die liebe Madame nicht nur völlig unwillens ist, diese Kleidungsstücke jemals zu tragen, nein – sie fühlt sich eben einfach nur toll, wenn sie das ganze Zeugs zu ihrem weiblichen Besitz zählen darf. Das allgegenwärtige Totschlagargument “Aber die hatte ich schon total oft an, BEVOR wir uns kannten!” oder aber auch “Das trage ich auf jeden Fall noch, wir hatten doch grad Winter!” lasse ich aber mal so gar nicht gelten. Klar haben wir Winter – aber davor gab’s auch schon mal mehr als nur einen Sommer? Oder täusche ich mich da? Und übrigens: zwei ihrer Schubladen sind schon zweimal geplatzt, weil sie zu voll sind.
Das Schicksal war dann wohl auf meiner Seite, als ich eines schönen Tages durch Zufall mitbekommen durfte, dass schon kleine Mengen dieser überflüssigen Schätze ziemlich große Mengen Bares einbringen können, wenn man sie geschickt bei Ebay vertickt. Also mal im Ernst: wir sparen an jedem Ende für unsere Hochzeit und hüten gleichzeitig irgendwelchen Krempel von Prinzessin Diana von Sonstwo in unseren 4 Wänden, die uns nahezu reich machen? Nee. Das geht in einen Männerkopp einfach nicht rein. WAS aber reingeht, dass sind die Dollar- bzw. Euro-Zeichen in meinen Pupillen.
Gesagt, getan. Ich schnappe mir die kreischende Liebste, dazu 3 große IKEA-Tragetaschen und verbringe etwa 4 Stunden damit, das bettelnde, zeternde und flehende Etwas, welches sich an mein Fußgelenk klammert, durch die Wohnung zu schleiffen und schalte jegliches Mitleid aus, als ich bepreisschilderte Kleider, ungetragene Jacken, Mäntel, nagelneue Schuhe, Stiefel und Handtaschen unter lautem Geheule und Buh-Rufen aus ihren Verstecken zerre. “DAS soll ich abgeben??? Das kannst Du doch nicht machen!!!” – Doch. Kann ich. Mache ich auch.
“DIE Hose kannst Du nicht weggeben, die ist so cool! Das war meine Lieblingshose!!!” – Na sicher. Als Du 17 warst vielleicht, aber ich verspreche Dir, dass Du da vor Deinem 78sten Lebensjahr nicht mehr reinpasst. Erst dann bist Du nämlich wieder da reingeschrumpft, Du kannst sie Dir dann ja nochmal kaufen.
Aus die Maus, Nikolaus.
PS: so viele positive Bewertungen haben wir bei Ebay in so kurzer Zeit noch nie bekommen – und schon 2 Arztrechnungen von den Einkünften bezahlt. Geht doch, Frau!
OkOk, ich geb´s ja zu: ich hab zu viele Klamotten. Ich habe auch zu viele Klamotten, die ich vielleicht gar nicht haben sollte, weil ich sie direkt nach dem Kauf oder nach dem ersten Tragen in den Schrank gehängt und vergessen habe. Aber ich tu ja auch was dagegen. Ab und zu gehe ich hin und sortiere äußerst radikal (wie ich finde) aus, fotografiere wie verrückt und stelle den ganzen Krempel bei ebay ein. Sorgt dafür, dass ich die Bügel auf der Stange wieder etwas besser hin- und herbewegen und die Schubladen einfacher auf- und zumachen kann und die Staubfänger in grüne Zahlen auf meinem Konto verwandle.
Beim letzten Mal habe ich meine Sachen mit seinem ebay-Account eingestellt, was unweigerlich dazu geführt hat, dass er dank der vielen Fragen permanent an die Auktionen erinnert wurde und ihn dazu bewegt hat, ständig nach dem aktuellen Stand zu schauen. Das wäre an sich ja nicht weiter tragisch, schlimm wird es erst, wenn er gegen Auktionsende nachfragt, warum ich eigentlich so nervös bin und ich dummerweise auch noch sage, dass das am Gesamtergebnis des digitalen Garagenverkaufs liegt. So kam es, dass er nach Auktionsende gesehen hat, dass man mit ein “paar Klamotten” immerhin ein paar Hundert Euro machen kann. Während er ungläubig auf das Display starrte, konnte ich die Kurzschlüsse in seinem Gehirn förmlich sehen – wie sie dafür sorgten, dass er plötzlich lauter Halluzinationen hat und Urlaub, Autoradio, Fernseher oder Möbel sieht. Und natürlich die Befehle, die eben dieses Gehirn aufgrund eben dieser Kurzschlüsse an seinen ganzen Körper weitergibt und ihn dazu zwingt, auf der Stelle mit meinem rechten Handgelenk in seiner linken Hand ins Ankleidezimmer zu rennen.
“So und jetzt räume ICH hier mal aus!”
*kreisch* Fassungslos stehe ich vor der Wand, an der meine Heiligtümer hängen und beobachte, wie er jeden einzelnen Bügel zur Seite schiebt, das daran hängende Teil einmal von vorne und einmal von hinten anguckt und höre, wie er “DAS hast du doch noch NIIIIEEE angezogen” sagt. Ich weiß, dass jegliches Gegenargumentieren keinen Sinn hat, zumal genau das Teil, was er mir in diesem Moment entgegen hält, noch ein Preisschild trägt. Besonders schön ist auch ein Dialog wie:
“Was ist das denn?”
“Das ist mein Diane von Furstenberg-Kleid..”
“Ok, das muss weg..”
“Aber wieso, das ist mein superschönes Diane von Fur..”
“Und wenn es ein Geschenk vom Dalai Lama höchstpersönlich ist, ich hab dich noch nie darin gesehen, brauchst du nicht mehr.”
Schluck. Ok, von wem das Kleid ist, mag für ihn vielleicht egal sein, dass er mich im Winter damit nicht hat rumrennen sehen, ist für mich jedoch bei der Auswahl der auszusortierenden Teile RE-LA-TIV unerheblich. Das tut ja aber nichts zur Sache: es sieht aus, als ob es dafür einen Betrag im Größerhundert-Bereich geben könnte, außerdem gefällt es ihm farblich nicht und deswegen kommt dann einfach die letzte, wirklich unterirdischste aller Überredungs-”Künste”:
“Da passt du eh nicht mehr rein.”
Wenn frau dann mit den Tränen kämpft, versteht er den Ernst der Lage auch endlich und fängt an zu trösten. Ich weiß, dass er mich nicht zu dick findet und die Bemühungen, den von mir von jetzt an absichtlich platzierten Vorwurf wieder wegzureden, sind wirklich lobenswert. Aber was als Beruhigung wirklich ungemein wenig hilft, ist: “Guck mal, wenn wir das alles einstellen und im Verhältnis so viel verdienen wie beim letzten Mal, können wir davon in die Flitterwochen fahren!”. Ja. WIR. Wir fahren in die Flitterwochen, weil ICH meine Kleider, Handtaschen und Schuhe verkaufe.
Er ist dann noch ungefähr 40 Minuten durch meine Sachen getobt wie mein Vater, wenn er mir früher anhand meines übervollen Kinderzimmers demonstrieren wollte, dass die Hälfte davon weggeschmissen werden kann, ich habe ungefähr 30 Minuten kreischend, jammernd und auf dem Boden aufstampfend daneben gestanden. Man könnte durchaus sagen, mir war schlecht, als er anschließend drei volle Ikea-Säcke (diese großen blauen) hinter sich her ins Wohnzimmer zog und zumindest anfing, einen Teil davon abzufotografieren – einstellen muss ich ja selber, er “weiß ja nicht, was das alles überhaupt ist und kann ja nicht so schön Klamotten beschreiben”.
Nichtsdestotrotz bin ich ganz froh darüber, so eine ehrliche Entrümpelung hätte ich niemals gemacht. “Jaja, ich weiß, dass ich das seit zwei Jahren nicht mehr getragen habe, aber DIESES Jahr auf jeden Fall!” (Zwiegespräch mit mir selbst beim alleinigen Aussortieren) Und irgendwie war es ja auch lustig. Ich muss den ganzen Rotz jetzt nur auch endlich mal einstellen. Und dann gehe ich mir neue Klamotten kaufen. Von dem Geld.
Eine Party stand an. Nicht irgendeine, sondern eine, bei der ich mich auch noch an für mich und meinen Geschmack ziemlich schwierige Restriktionen halten musste. Alles eine Farbe und die ist auch noch grundsätzlich sehr selten in meinem Schrank vertreten. Noch dazu war der Partybesuch ein halboffizieller Auftritt, was die Sache per sé nicht einfacher gemacht hat. Neben frustrierten Bestandsaufnahmen gehörten auch tägliche Torschusspanikeinkäufe zu meinen Aktivitäten der letzten Tage.
So kam ich nun mit einem Koffer voller Eventualitäten bei IHM an und wollte vorsortieren, es ist nicht gut, zu viel dabei zu haben – stiftet nur Verwirrung und macht die finale Auswahl direkt vor der Party zu einer Qual. Ich leerte den Koffer also aus um ihn wieder einzuräumen und dachte, ich könnte ihn mit einbeziehen. Zufällig fiel dabei sein Blick auf ein Paar Schuhe, das offensichtlich neu und das daran hängende Preisschild leider zu groß war, als dass ich es schnell und unauffällig hätte verstecken können. Nachdem ich hier zerknirscht den doch recht frischen Kauf gestehen musste, wollte ich ihm ein Oberteil zeigen – dummerweise wieder eins mit Preisschild.
Ich finde, dass es vollkommen egal ist, ob ich zigtausend Klamotten habe oder nicht. Zum einen kann ich das ganze Zeug ja innerhalb der nächsten ein bis zwei Wochen wieder zurück geben, zum anderen war genau sowas bis jetzt nun mal noch nicht dabei und es ist ja nicht so, als ob es schlecht würde.
Genauso wie die Killerfastnacktefüßesandalettenmit7cmabsatzundgebundenemfesselriemen von Céline, die ich ihm voller Stolz und mit einem – wie ich finde tollen Plan – noch vor die Nase hielt:
“Guck mal, sind die nicht schön?” (Natürlich sind sie schön, die Frage war rhetorisch)
“Ja, aber die sind braun..”
“Stimmt. Hab sie auch noch nie getragen, aber die sind auch zu besonders für die Party. Baby, die trage ich, wenn wir zusammen raus gehen. Gut?”
“Äh, ja klar danke – aber du hast sie noch NIE angezogen?”
Naiv wie ich bin, dachte ich, er würde wahrscheinlich ziemlich schnell darüber lachen – war aber nicht so. Hab ich festgestellt, als ich ihm die Sohle gezeigt und munter weitererzählt habe:
“Nein, guck – ganz neu.”
“Ja, ich sehe es! Wann hast du sie dir gekauft?”
“Vor zwei Jahren. Waren runtergesetzt, von 700 Dollar auf 150. Sind allerdings ein bisschen klein”
“Du kaufst dir vor ZWEI Jahren ein paar Schuhe aus wenig Leder für 700 Dollar, die dir auch noch ZU KLEIN sind und trägst sie NICHT?
“Sie sind nicht wirklich zu klein, fallen größer aus und wenn ich sie eingetragen habe, gehts auch. Guck!”
Ich habe sie angezogen und ihm gezeigt, aber das hat irgendwie auch nicht geholfen. Er hat nur fassungslos auf meinen Fuß gestarrt, nicht aus Begeisterung, sondern eben aus Fassungslosigkeit. Gut, er ist ein Mann. Für ihn existieren reine Lustkäufe nicht und das blanke Unverständnis in Bezug auf Schuhe, die auch ERSTMAL nur im Schrank stehend toll aussehen und mir gute Laune machen, wird durch die schonungslose Offenlegung von nackten Zahlen logischerweise auch nicht besser. Ist ja nicht so als ob ich sie nie hätte anziehen wollen. Aber er ist ja lernfähig und empfindet es mittlerweile wenigstens als halbsympathischen Prinzessinnen-Tick und nicht mehr als totalen Dachschaden meinerseits. Glaube ich.



