Sie so
Eine Party stand an. Nicht irgendeine, sondern eine, bei der ich mich auch noch an für mich und meinen Geschmack ziemlich schwierige Restriktionen halten musste. Alles eine Farbe und die ist auch noch grundsätzlich sehr selten in meinem Schrank vertreten. Noch dazu war der Partybesuch ein halboffizieller Auftritt, was die Sache per sé nicht einfacher gemacht hat. Neben frustrierten Bestandsaufnahmen gehörten auch tägliche Torschusspanikeinkäufe zu meinen Aktivitäten der letzten Tage.
So kam ich nun mit einem Koffer voller Eventualitäten bei IHM an und wollte vorsortieren, es ist nicht gut, zu viel dabei zu haben – stiftet nur Verwirrung und macht die finale Auswahl direkt vor der Party zu einer Qual. Ich leerte den Koffer also aus um ihn wieder einzuräumen und dachte, ich könnte ihn mit einbeziehen. Zufällig fiel dabei sein Blick auf ein Paar Schuhe, das offensichtlich neu und das daran hängende Preisschild leider zu groß war, als dass ich es schnell und unauffällig hätte verstecken können. Nachdem ich hier zerknirscht den doch recht frischen Kauf gestehen musste, wollte ich ihm ein Oberteil zeigen – dummerweise wieder eins mit Preisschild.
Ich finde, dass es vollkommen egal ist, ob ich zigtausend Klamotten habe oder nicht. Zum einen kann ich das ganze Zeug ja innerhalb der nächsten ein bis zwei Wochen wieder zurück geben, zum anderen war genau sowas bis jetzt nun mal noch nicht dabei und es ist ja nicht so, als ob es schlecht würde.
Genauso wie die Killerfastnacktefüßesandalettenmit7cmabsatzundgebundenemfesselriemen von Céline, die ich ihm voller Stolz und mit einem – wie ich finde tollen Plan – noch vor die Nase hielt:
“Guck mal, sind die nicht schön?” (Natürlich sind sie schön, die Frage war rhetorisch)
“Ja, aber die sind braun..”
“Stimmt. Hab sie auch noch nie getragen, aber die sind auch zu besonders für die Party. Baby, die trage ich, wenn wir zusammen raus gehen. Gut?”
“Äh, ja klar danke – aber du hast sie noch NIE angezogen?”
Naiv wie ich bin, dachte ich, er würde wahrscheinlich ziemlich schnell darüber lachen – war aber nicht so. Hab ich festgestellt, als ich ihm die Sohle gezeigt und munter weitererzählt habe:
“Nein, guck – ganz neu.”
“Ja, ich sehe es! Wann hast du sie dir gekauft?”
“Vor zwei Jahren. Waren runtergesetzt, von 700 Dollar auf 150. Sind allerdings ein bisschen klein”
“Du kaufst dir vor ZWEI Jahren ein paar Schuhe aus wenig Leder für 700 Dollar, die dir auch noch ZU KLEIN sind und trägst sie NICHT?
“Sie sind nicht wirklich zu klein, fallen größer aus und wenn ich sie eingetragen habe, gehts auch. Guck!”
Ich habe sie angezogen und ihm gezeigt, aber das hat irgendwie auch nicht geholfen. Er hat nur fassungslos auf meinen Fuß gestarrt, nicht aus Begeisterung, sondern eben aus Fassungslosigkeit. Gut, er ist ein Mann. Für ihn existieren reine Lustkäufe nicht und das blanke Unverständnis in Bezug auf Schuhe, die auch ERSTMAL nur im Schrank stehend toll aussehen und mir gute Laune machen, wird durch die schonungslose Offenlegung von nackten Zahlen logischerweise auch nicht besser. Ist ja nicht so als ob ich sie nie hätte anziehen wollen. Aber er ist ja lernfähig und empfindet es mittlerweile wenigstens als halbsympathischen Prinzessinnen-Tick und nicht mehr als totalen Dachschaden meinerseits. Glaube ich.
Es ist Samstag, eigentlich wollte ich mit IHM feiern gehen, aber irgendwie wird das nix und deswegen liegen wir auf der Couch und säuseln uns die ganze Zeit mit rosaroten Worten voll. Dazu Wein, von dem ich ad hoc betrunken und irre komisch werde und ein Fernsehprogramm, das niveautechnisch kaum zu unterbieten ist – deswegen geht man ja samstags auch raus. Soweit, so gut – der Abend ist trotzdem toll. In einem Anflug geistiger und besonders pinkfarbener Umnachtung höre ich mich sagen:
“Ich weiß nicht wieso, aber ich finde die Haare auf deinen Armen total.. Süß?”
Natürlich bin ich sofort in Deckung gegangen, Mr. Maskulin steht ja gar nicht drauf, wenn ich ihn mit den Wörtern süß oder niedlich in Verbindung bringe. Zu meiner Überraschung kam aber nur:
“Echt? Das freut mich. Aber wieso denn?”
“Weiß ich auch nicht. Ich mag komischerweise alles an dir, auch wenn ich es eigentlich nicht mag. Dein Tattoo zum Beispiel. Und das Fell auf deinen Armen.”
BAM! Zwei weit aufgerissene Augen gucken mich total entsetzt an und der Alkohol und meine tief verwurzelte Grundmüdigkeit, die in dem Moment meinen Charakter bilden, sehen das als Angriffsfläche, nein als PROVOKATION für ein lustiges Spiel, welches mit folgendem Satz beginnen sollte:
“Irgendwie wie ein Äffchen. Ja, du siehst aus wie ein Äffchen. So mit den vielen Haaren im Gesicht, auf dem Kopf und auf den Armen halt.”
Gesagt und in Panik verfallen, nachdem ich merkte, wie er Schnappatmung bekam und leicht zu verkrampfen begann. Ich verstand nach wie vor nicht, wo das Problem war, versuchte, ihm die Analogie bildhaft darzustellen und sage nur ein Wort: “Schimpanse.”
Fand er überhaupt nicht lustig. Ich finde Schimpansen total süß. Gut, ich finde dummerweise fast jedes Säugetier total süß, das dürfte ein Problem sein. Im Wesentlichen besteht das Problem allerdings darin, dass Schimpansen jetzt nicht unbedingt die respekteinflößensten unter unseren tierischen Verwandten sind, also versuche ich nach eingehendem Studium seiner Zornesfalte zu retten, was noch zu retten ist und sage:
“Nein, ich meine damit ja nur das Fell. Wenn du ein Affe wärst wärst du natürlich ein Gorilla. Ein Silberrücken. Wenn du mich beim Kitzeln mit deinem Körpergewicht quälst, stützt dich in der Regel mit der Faust und nicht mit der flachen Hand ab und wenn du mal wieder irgendwas aufgebaut hast, ohne es kaputt zu machen, springst du rum, trommelst auf deiner Brust und machst Geräusche. Ja, ich denke du wärst ein Silberrücken.”
Er fing sofort an mit mir zu diskutieren, geschockt, entsetzt, trotzdem amüsiert, aber wie er so ist, im ersten Gang lieber zickig.
“Ein SILBERRÜCKEN?? Du willst mir nicht ernsthaft sagen, dass ich ein SIL-BER-RÜ-CKEN wäre, wenn ich ein Tier wäre?!
Darauf ich “Ein AFFE, Baby! AFFE! Wärst du etwa lieber ein Orang-Utan oder doch ein Schimpanse?? Ich hab dir jetzt schließlich den König der Affen zugestanden!” (auch wenn in dem Moment ein Makakenäffchen während eines Tierversuchs mit viel Adrenalin besser gepasst hätte)
Ich hab dann doch gemerkt, dass ich so nicht weiter kommen würde und besser die Klappe halte, sooo nett ist das ja in der Tat nicht. Also kommt drauf an. Deswegen habe ich meinen Rechner für ihn freigeschaltet und mich für eine halbe Stunde ins Bad verzogen. Damit er bloggen konnte. Um sich danach ob des gebloggten Wortes wieder auf die Brust zu trommeln.
…ist ein Wie-Wort. Schreibt man deswegen per se schon mal klein. Auch bei dem ganzen Interpunktionsgedöns. :-D
Ja, wir haben uns alle die Zähne an meinem WLAN ausgebissen, nebenbei bemerkt RICHTIG verkabelt, da wir ja nur den Rechner ausgetauscht haben, sonst nichts. Dass in meiner neuen Wohnung, drei Monate nach dem Umzug nicht mehr alles so verdrahtet ist, wie in der alten, vor allem, wenn der WLAN-Router nicht angeschlossen ist, sollte auch irgendwie nachvollziehbar sein. In meiner neuen Wohnung hat es bisher auch niemand versucht.
ER hat sich auf jeden Fall gedacht, er müsste es wieder richten, hat er auch geschafft – war ne Kleinigkeit von knapp 3 Stunden. Dabei hat er alle möglichen Launen durchgespielt: altklug, nörgelnd, zickig & wortkarg (ja, genau DIE Kombi) und schließlich triumphierend. Die Angst, dass es nicht klappen könnte, nicht zu vergessen. Womit das “Lieber Gott, lass es bittebittebitte funktionieren”-Gemurmel gemeint ist, nachdem ich ihm eine 5 Kilo schwere Tüte mit allen möglichen Kabeln in die Hand gedrückt habe. Aus dem Arsenal an Kabeln hat er sich das passende dann ausgesucht und eingestöpselt, natürlich nicht ohne Kommentar á la: “willst du nen Mediamarkt neu verkabeln?” – soll er doch froh sein, dass er noch nicht mal Kabelsalatentwirrer spielen musste, bei MIR gibts die Dinger nämlich fein säuberlich aufgerollt und zusammengebunden! Und: es GIBT sie!
Ende vom Lied war, nach der besagten Kleinigkeit von knapp 3 Stunden, dass er sich selbst auf die Brust trommelnd durchs Wohnzimmer sprang und sich ca. 10 Minuten in höchsten Tonen selbst gelobt hat, im Anschluss war ich mit meiner demütigen Huldigung dran. Aber jetzt läufts ja. ;-)
Es war soweit. In meinem Briefkasten eine Einladung zum Private Sale meines Lieblingskonsumtempels – Sale quasi nur für mich, bevor die anderen, niederen, Nichtrichtigesuperkunden ohne Kundenkarte ihr Geld dort verbrennen können. Dummerweise mitten in der Woche, Anfahrtszeit je nach Verkehrsaufkommen im mehrfachen Stundenbereich und am letzten Tag vor einem Brückentag-Wochenende. Also ohne mich. Aber jetzt ist ja Wochenende und ein perfekter Zeitpunkt um doch noch zur Psycho-Befriedigung zu kommen. Ich frage IHN also, ob wir am Samstag hin fahren können, er sagte “Ja” und alles war gut.
Dort angekommen, hatte ich mich auch endlich auf das Ziel festgelegt: ich brauchte eine neue Tasche. Braun. Dunkelbraun. Dass ich schon eine braune Tasche habe, tut dabei nichts zur Sache, sie hat nicht das Braun, das ungefähr 50% meiner braunen Schuhe und Gürtel haben und da bin ich Perfektionist. Das weiß ER allerdings auch. Der Dialog war tatsächlich so, wie er es geschrieben hat, ich finde aber nicht, dass das in irgendeiner Form ein Problem darstellt. Schließlich sage ich auch nichts, wenn er mal wieder… Ja, was eigentlich? Hm.. Ach, ist auch egal, ich bin schließlich das Weibchen. Punkt.
Ich habe dem nicht wirklich viel entgegen zu setzen. Mein Schicksal ist es, eine Frau zu sein und ständig links und rechts zu verwechseln. Im Gegensatz zu IHM merke ich das aber sehr schnell und da das in der Regel im Auto passiert, ist der Schaden überschaubar. Nicht so wie im Urlaub, als wir auf sein von Geburt an eingebautes Navigationssystem mit Nachfrage-Blocker gehört und uns natürlich verlaufen haben! Mit Flipflops, gefühlte 50 KM, nach Shopping und Essen, immer und immer wieder mein vorsichtiges Nachfragen – hier schon nach gefühlten 49 KM:
“Und du bist dir GANZ sicher, dass wir nicht vorhin hätten abbiegen müssen…? Da ganz vorhin?”
“Aaaach, Schätzelein – lass Chico mal machen, ich weiß GANZ GENAU, dass wir hier richtig sind! Zur Orientierung reicht die Flagge da oben, kann man vom Pool aus sehen..”
“Gut, aber die steht auf dem höchsten Berg, die sieht man aus jeder Himmelsrichtung..”
“Ich hab das schon im Griff, Süße..”
“Hmm.. Ok. Und das da vorne ist nicht zufällig unser Hotel, von dem wir uns schon wieder immer weiter weg bewegen?”
“Nein, wie kommst du denn darauf?”
“Weil unser Hotel das letzte Hotel vor dem Berg ist!!”
Gut, was soll´s – ich wollte eh etwas Bewegung haben und neue Flipflops brauchte ich auch vor dem Tagesmarsch schon.
Gartenbesitzertypologie – gerade für jemanden, der keinen Garten hat, ist das mehr als spannend. Frau guckt sich vier Fotos an, entscheidet spontan für den Garten, den sie am schönsten findet und liest anschließend einige gleich große Absätze: Beschreibung, Tipps zur Gestaltung und (wichtigwichtig) zu wem es passt. Ich glaube da waren noch zwei, aber ich hab nur noch die drei im Kopf. Schmalspur-Psychotest ohne Psychoanalyse, kein tiefgehendes Blabla, sondern klare Statements wie: “für Hippies”, “für Spirituelle” oder “für Puristen”. Oder so ähnlich, hab die Zeitschrift nicht mehr.
Und wie Frauen dann so sind, wird logischerweise einmal kurz der Abgleich gemacht: “guck mal und rate, welcher meinen Geschmack trifft”. Dass das Ergebnis eine 40-minütige Dauerbefeuerung voller Hypothesen, Vermutungen und Glaskugelbeschwörungen wird, war nicht klar. Zuerst zeigte er seinen Favoriten, dann tippte er relativ zielsicher mit Ausschlussverfahren (“Nee, da hast du zu viel Arbeit, nicht dein Ding…”) auf “meinen”: geradlinig, puristisch, minimalistisch, fast cool. Ist ja Gott sei Dank alles Geschmacksache. Und ich mag es genau so. Für einen hoffnungslosen Romantiker, wie er es ist, sicherlich nicht die Wunschvorstellung, aber es ging ja auch nicht darum, das Teil ad hoc nachzubauen.
In einem Ton, der irgendwo zwischen hysterisch und beleidigt angesiedelt war, kam erst das gesamte Repertoire an Contras in Bezug auf meinen Garten, den er als kalte Betonwüsten-Lounge mit einzelnen Bambusstäben und Kunstrasen betrachtet, im Anschluss daran die Vorzüge blutsaugender Zecken, ekelhafter Spinnen (erwähnte ich schon, dass ER panische Angst davor hat?) auf einer Wiese voller unkontrolliert wachsenen Blumen (nicht schwer zu erraten, dass ER den Hippiegarten wollte) und dann fing er plötzlich an, die kindlich-neugierigen Dialoge zwischen ihm und seinem Erstgeborenen nachzuspielen. Den Auszug findet man in seinem Post vor diesem hier.
Gut, ich erwähnte ja bereits, dass es nicht darum ging, auf direktem Wege anschließend zu einem GaLa-Planer zu fahren und alles nachzubauen, aber dass in dem Garten auch Gras war und ich nicht geplant hatte, exakt das gleiche Ding nachzubauen (selbst wenn wir direkt im Anschluss zu einem GaLa-Planer gefahren wären), hätte ihm auch klar sein können. Aber was soll´s, noch haben wir keinen Garten, müssen erst einmal das Projekt EINE Wohnung in Angriff nehmen und bis dahin lache ich mich gerne weiterhin über sein komödiantisches Talent kaputt – lustig wars nämlich wirklich. Also mal abgesehen davon, dass mein wie ich finde sehr guter Geschmack wieder einmal gnadenlos ins Lächerliche gezogen wurde. Zu seinem Glück gerade so weit, dass ich noch damit leben kann.



