Zoff
Kaum hast Du es Dir an einem wunderschönen Samstagnachmittag ganz nach Deinen Vorstellungen auf der heimischen Balkonliege bequem gemacht, Dir ein eisgekühltes Erfrischungsgetränk zur Rechten und ein paar Hochglanz-Männermagazine zur Linken drappiert, da zwitschert es auch schon sehr enthusiastisch und beängstigend gutgelaunt aus dem Wohnzimmer heraus…:
Sie so: “Schaaaaaatz – bist Du gleich fertig? Können wir los??”
Ich: “Wie – LOS? Wohin denn? Und wieso?”
Sie so: “Ja wir wollten doch heute zu H&M!”
Ich: “Wollten wir das???”
Sie so: “Ja, HATTEN WIR DOCH GESAGT?!”
“Hatten wir doch gesagt” – das ist nicht einfach nur ein Satz. “Hatten wir doch gesagt” ist plötzlich allgegenwärtig und wird in jeglicher Alltagssituation zum Feindbild jeder wohlüberlegten Argumentationsstrategie eines Mannes. “Hatten wir doch gesagt” erwischt Dich grundsätzlich und immer ganz genau dann, wenn Du als Mann zu 100% weißt, dass Du a) weder an irgendeiner Planung, b) genausowenig an irgendeiner partnerschaftlichen Besprechung und c) erst recht nicht an der konkreten Umsetzung irgendeiner Maßnahme beteiligt warst, Du jedoch unmittelbar vor der Finalisierung darüber in Kenntnis gesetzt wirst und ob dieser hervorragenden Aussage “Hatten wir doch gesagt!?” jeglichen eigenen freien Handlungswillen abgibst.
Der zweite Faktor – welcher sich durch enge Verwandschaft zur hier bereits mal erwähnten “Bemutterung” auszeichnet – liegt in der Umstrukturierung der weiblichen Denke nach dem Eingehen einer Partnerschaft, egal ob amtlich oder nicht. Interessanterweise scheinen Frauen das Wort “ICH” visuell im eigenen Köpfchen in gewissen Lebenslagen zu 100% mit dem Wort “WIR” gleichzusetzen – natürlich nur, wenn es dem eigenen Willen entspricht und daraus Profit zu schlagen ist, so dass bei Wochenendplanung, Urlaubsabsprachen oder Shopping-Events grundsätzlich schon mal Entscheidungen getroffen werden, die man OHNE die Meinung des Mannes fällen kann. Letzterer wird sowieso total viel Spaß an der ganzen Sache haben, sodass wir der besten Freundin NATÜRLICH den H&M-Termin zusagen und “WIR dann auf jeden Fall pünktlich in der Stadt sind”.
Beispiel A: die Freizeit-Falle
Sie so: “Schatz?”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich hab da mal angefragt, wegen der Reitstunden fürs Westernreiten”
Ich: “Bitte WAS?”
Sie so: “Ja, das hatten wir doch gesagt, dass wir da mal hinwollen???”
(Fakt: Wir hatten es im Vorbeifahren erwähnt. Im Sinne von: Guck mal, das ist bestimmt auch lustig!)
Beispiel B: die Shopping-Falle I
Sie so: “Schaaaaaatz?”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich hab mir 4 neuen Jeans bestellt…”
Ich: “Wie bitte?? Du hast doch 23 Jeanshosen in Deinem Schrank???”
Sie so: “Ja, das hatten wir doch gesagt, dass ich die kaufen kann wenn ich die anderen bei Ebay einstelle?”
(Fakt: Beim letzten Shopping wies ich darauf hin, dass wir ja wohl erstmal Platz schaffen müssten)
Beispiel C: Die Shopping-Falle II
Sie so: “Schatz?!”
Ich: “Hm?”
Sie so: “Ich würd dann diesen Schreibtisch bestellen, ja?”
Ich: “Einen neuen Schreibtisch? Wozu denn das???”
Sie so: “Ja, das hatten wir doch gesagt, dass Du einen neuen brauchst!!”
(Fakt: Ich zeige im Internet mit dem Finger auf einen Schreibtisch und sage: “Der ist hübsch!”)
Beispiel D: Die Wochenend-Falle
Sie so: “Schatz?”
Ich: “Wasn?”
Sie so: “Wann wollen wir denn los zu der Party?”
Ich: “Was für ne Party??”
Sie so: “Na diese Elektro Party auf dem Flughafen!!!!”
Ich: “Ich habe noch NIE irgendwas von dieser Party gehört?!”
Sie so: “Aber das hatten wir doch gesagt, dass wir da hinfahren!!!!”
(Fakt: beim Vorbeifahren am Werbeschild an der Ampel sage ich dummerweise: “Mal gucken, vielleicht”)
Fazit: Obacht!!! Während Deine Frau also nicht mehr in der Lage ist, die 2 vor lauter Liebe verschmolzenen Seelen voneinander zu trennen, ist sie dafür umso mehr für unklug durchdachte oder unüberlegte Äußerungen Deinerseits empfänglich. Dummerweise ergibt beides zusammen am Ende den Satz “Hatten wir doch gesagt!!” – der Dir relativ schnell relativ viele Probleme verschaffen kann, so dass für uns Männer auf jeden Fall feststehen muss: “NEIN, hatten wir NICHT gesagt!!!!“
Manchmal kommt es, wie es kommen muss. Es ist halt nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen, auch bei uns nicht. In der Regel läuft das so, dass wir uns anzicken, vorwurfsvoll Luft aus der Lunge drücken, laut werden – dabei dürfen wir aber nur so wenig Augenkontakt haben, wie möglich. Im falschen Moment ins Gesicht des Streitpartners geblickt, wird nämlich nur besonders schnell deutlich, wie affig das alles gerade ist und man muss grinsen. Es wird wird zwar gerne und krampfhaft unterdrückt, was allerdings nicht von besonders viel Erfolg gekrönt ist. Dieses verkniffene Grinsen führt dazu, dass das Gegenüber anfangen muss zu lachen und dann.. Dann ist der ganze Driss wieder vorbei und alles ist gut. Das zeigt dann wiederum, dass der Grund nur allzu lächerlich ist – wenn der Streit wirklich Substanz hätte, könnte man ihn nicht weglächeln.
Manchmal ist es hilfreich, sich beim Einstieg ins Bett zu streiten. Sämtliche Weglächel-Mechanismen können im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschaltet werden: Licht aus, dann sieht man nicht mehr, ob irgendjemand lächelt, grinst oder Grimassen zieht. Ab und zu will man ja auch sauer sein und nicht versehentlich das Eis brechen. Wenn man dann aber hört, wie die Decke vom Bett gerissen und der Sparringpartner von den eigenen Füßen trotzig in Richtung Wohnzimmer, ergo auf die Couch getragen wird, hilft das nur bedingt beim eigenen Spannungsabbau. Normalerweise lenkt dann nach spätestens 5 Minuten jemand ein und alles wird gut, man kann gemeinsam einschlafen und das hilft ja beim Herunterfahren des Blutdrucks ungemein.
Dummerweise war ich gestern zu sauer und zu müde. Also hab ich ihn gehen und drüben schlafen lassen. Ist mir auch erst morgens aufgefallen, als ich über die gesamte Bettfläche hinweggestreckt wach wurde und nicht wusste, woher der ganze Platz kam und wieso die Körperwärme von normalerweise 1.85 Meter auf ungefähr einen Meter geschrumpft gedrungen an meinen Waden lag – der Hund hat die Gunst der Stunde genutzt und ist aufs Bett gesprungen. ER muss drüben gelegen und gefroren haben. Peinlich berührt habe ich krampfhaft versucht, wieder einzuschlafen.
Dann ging die Tür auf und er kam wieder zurück. Grinsen. Alles wieder gut.
Manchmal eckt man ja auch in den besten Beziehungen hier und da mal an – und nutzt das partnerschaftliche Gegenüber als Ventil für aufgestaute Aggressionen oder emotionale Wutausbrüche. Die Liebste und ich sind beide ganz gut in der Lage, in solchen Momenten höchst pubertär auf voll-stur zu stellen und uns – wenn wir denn mal zanken – gegenseitig höchst gezielt und mit kleinen, feinen Seitenhieben so hochzuschaukeln, so dass selbst unser kleiner Vierbeiner sich mit gesenktem Haupt in irgendeine dunkle Ecke zurückzieht und wartet, bis das Gewitter vorüberzieht. Gottseidank läuft so ein Streit bei uns ja so ab, dass wir entweder noch während des Disputs beide sehr bald anfangen müssen zu Grinsen, um uns dann mit großen Kulleraugen in die offenen Arme zu fallen, oder dass wir nach spätestens 5 Minuten feststellen, wie unsinnig diese doofe Auseinandersetzung war, mit der wir unsere gemeinsame Zeit so dumm verschwendet haben.
Eine der beliebtesten zu wählenden Waffen in diesem Duell ist die „Ich nehme meine Decke und gehe jetzt rüber auf’s Sofa!!“ – Taktik. Der Vorteil: keiner von uns mag es, ohne den anderen zu schlafen, so dass diese Strategie den jeweils anderen letztendlich zum Aufgeben zwingen wird, denn so weit wollen wir dann ja doch nicht gehen… NORMALERWEISE. Doof ist, wenn diese Taktik dann ausnahmsweise mal so gar nicht funktioniert, und Du eine halbe Ewigkeit einfach nur daliegst und relativ vergeblich auf die tappsenden Geräusche nackter Füße auf den Fliesen wartest, die Dich jetzt ja eigentlich abholen sollen. Tun sie aber nicht – der weibliche Gegner hat doch tatsächlich zum ersten Mal eine unsichtbare Grenze überschritten, die bisher nicht überschritten werden durfte – und mich, den Verlierer in diesem kleinen Zweikampf damit herzlos auf der langen Strecke gelassen.
Es gibt ja Menschen da draußen, die sind davon überzeugt, dass die Welt friedlicher wäre, würde sie allein von Frauen regiert. ICH hingegen gehöre seit heute zu jenen, die vom Gegenteil überzeugt sind: würden Frauen alleine die Welt regieren, hätten wir wohl eher unter kleinen, fiesen Seitenhieb-Kriegen mit brutalster, emotionaler Waffenwahl zu leiden, die uns Männer nicht die geringste Möglichkeit der Gegenwehr erlauben, weil sie uns mit Hilfe von psychologischer Kriegsführung an den Rand der Niederlage zu drängen versuchen.
Ich bin dann übrigens heute morgen zu Ihr ins Bett gekrochen.
Wir haben uns wieder lieb.




